Conjecturalkritik gar zu wenig Raum gonnte. Von ihr aber muß jeder Verſuch da, wo noch bedeutende Zweifel obwalten, willkommen ſein; zu manchen Fehlwuͤrfen findet ſich auch wol ein gluͤcklicher. In die⸗ ſem Vertrauen gebe ich die nachfolgenden Verbeſſerungsvorſchläge dem Urtheile einſichtsvoller Kenner anheim.
II, 356: Hane legem dederat, sua ne secreta viderent. Faſt alle Handſchriften ſetzen einen Vers zu und geben die Stelle in folgender Geſtalt: Pallas Erichthonium, prolem sine matre creatam, Clauserat Actaeo texta de vimine cista, Virginibusque tribus, gemino de Cecrope natis, Servandam dederat, sed inconfessa, quid esset, Et legem dederat, sua ne secreta viderent.
4 codd. laſſen den vorletzten Vers weg, S haben für Et legem Hane legem, ein berliner cod. Servandum dederat, sua ne secreta viderent, Servandum dederat, sie inconfessa quid esset, Et legem ete. Heinſ. ſchied zuerſt den fragl. Vers aus, der ſeitdem in allen Ausgaben fehlt. Daß die Stelle interpolirt iſt, unterliegt wohl keinem Zweifel; beſonders der proſodiſche Fehler séd läßt darauf ſchließen, ſowie die Wiederholung von dederat an derſelben Stelle. Nur ſcheint mir der Begriff der Aufbewahrung zu nöthig(V. 558 Commissa-- tuentur), als daß ich die Weglaſſung der Worte Servandum dederat billigen könnte. Auch ſieht Hane ſowol als sua zu ſehr wie eine bloße Aushilfe aus. Ich leſe daher:
Servandum dederat, sed ne secreta viderent*), d. i. ſie hatte ihnen den Knaben zu bewahren gegeben, doch ſollten ſie das Verborgene nicht ſchauen. Servandum auf Erichthonium zu beziehen iſt wol beſſer als servandam, das entweder auf prolem oder auf cista gehen wuͤrde. Legem dederat mochte zuerſt Gloſſe ſein, die dann zu weiterer Ausfüllung Gelegenheit gab, wozu der Gedanke nahe lag: ohne zu ſagen, was es wäre. Auch das unerklärliche sie der berliner Handſchrift ſcheint urſprünglich als Erklärung zu ne secreta v. geſetzt zu ſein; wahrſcheinlich wurde es über ne geſchrieben: aber ſo, daß ſie es nicht ſähen.
III, 397: Forte petens Delon Chiae telluris ad oras(Applicor.).
Heinſ. aus 2 codd. Diae; aber Dia mußte Naros ſelbſt ſein(V. 690; VIII. 174; Plin. H. N. IV, 12), wohin Bakchus erſt will(V. 636), und an die kleine Inſel Dia bei Kreta iſt nicht wol zu denken. Voß emendirt Ceiae und will die Inſel Kos bei Karien verſtanden wiſſen; aber die Adjectivform iſt Cous, und wohin ſegelten die Schiffer links, wenn Naros ihnen rechts lag(V. 642 u. 640)? Einige leſen Ciae, Bach mit Bothe richtiger Ceae(wie VII, 368; X, 120; Heroid. XX, 224) von der Inſel Keos am Vor⸗ gebirge Sunion zu verſtehen; ob auf Grund der Handſchriften, finde ich nicht erwähnt. Allein ſind die Schwierigkeiten hinſichtlich der Richtung dann geringer, als wenn man Chios annimmt? Der Hauptgrund, weshalb man die Lesart der codd. Chiae verwarf oder ungewiß ließ, war offenbar der, daß man V. 598, wo die Worte: dextris adducor litora remis von einer Annäherung der rechten Seite des Schiffs an die Kuͤſte verſtanden wurden, mit 640: Dextera Naxos erat nicht in Einklang bringen konnte. Läßt ſich dieſe Schwierigkeit heben, ſo iſt kein Grund Chiae zu verändern. Denn dafür ſpricht: 1) die handſchriftliche
8) Ahnliche Ausdehnung von zwei Vershälften zu zwei Verſen: 1, 546, wo Gieriz die Worte: tellus, aut lasce., vel iatam, Quae facit, ut laedar mit Recht ausſcheidet; I, 700, wo der Zuſatz: Tibi nubere Nympha voleutis Votis cede Dei längſt getilgt iſt; 1V, 766(ſ. ſpäter); vielleicht auch VII, 186, wo die viel angefochtenen Worte: nullo eam murmure serpens Sopitis similes durch serpeus wenigſtens ſehr verdächtig werden.


