Aufsatz 
Kritisches zu Ovids Metamorphosen nebst Proben einer Übersetzung des Werkes / von ... Suchier
Entstehung
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weiſen, die der Sprachgebrauch des Dichters ſelbſt und ſeiner Zeitgenoſſen als Verſtöße oder wenigſtens als große Abſonderlichkeiten erſcheinen läßt, damit zu entſchuldigen, daß Ovid nach eigenem Geſtändniſſe ²) noch nicht die letzte Hand an ſein Werk gelegt habe, erklärt Braune in dem Anm. 5 angeführten Pro⸗ gramme mit Recht für unſtatthaft. Nicht nur die Leichtigkeit, mit welcher der Dichter in der Sprache wie im Versbau ſich zu bewegen wußte, ſpricht dagegen, ſondern auch der Charakter der Darſtellung, welche dieſelbe Eleganz und paſſende Wahl des Ausdrucks zeigt, wie in den übrigen Werken unſeres Dichters. Spuren von Übereilung oder geringer Sorgfalt ſind wol hier und da in Gedanken, Gedankenverbin⸗ dung*) und unnöthiger Breite erſichtlich, aber nicht in der Sprache. Die Anderungen, die Ovid noch vorzunehmen gedachte, hätten daher gewiß weniger die Redeweiſe betroffen, als die Sache, beſonders die Auswahl, Behandlung und Verknüpfung der einzelnen Mythen; manches wuürde er wol verkürzt oder ganz geſtrichen, anderes ausführlicher behandelt haben.

Aus dem Geſagten ergibt ſich, welchen Weg die Kritik der Metamorphoſen einzuſchlagen hat. Die handſchriftliche Auctorität kann nur dann entſcheiden, wenn der Ausdruck der Sache wie dem Sprachge⸗ brauche der goldenen Zeit entſpricht, und zwar wird im Allgemeinen die ſchwierigere Lesart den Vorzug verdienen, da das Streben der Abſchreiber das Ungewöhnliche ihrem beſchränkten Geſichtskreiſe zu nähern deutlich genug hervortritt, auch Gloſſen nicht ſelten hinzu kamen, die ſich allmählich in den Tert einſchlichen. Auf der anderen Seite darf die Kritik nicht ohne gewichtige Gründe von den Handſchriften abgehen und nicht überall, wo ſie ein Häkchen findet, den gewählteren Ausdruck ſuchen, wie namentlich Heinſius und Bothe an dem Terte etwas zu ſehr gekünſtelt haben. Viele Willkürlichkeiten, die durch erſteren beſonders in Bezug auf Ausſcheidung oder Verdächtigung von Verſen herrſchend wurden, hat Bach glücklich beſeitigt ohne jedoch der anderen Klippe ganz zu entgehen, daß er an den Handſchriften zu ſehr feſt hielt und der

urſache ſolcher Erweiterung war wol eine gewiſſe kindiſche Sucht Eigenes hinzuzuthun ſowie der Wahn den Dichter zu verbeſſern, wobei die Fälſchung in Gedanken und Ausdruck ſich gewöhnlich nicht weit von dem urſprünglichen ent⸗ fernt. So beſonders VIII, 286, wo Bach den zweiten Vers: Stantque velut vallum vel ut alta hastilia setae mit Recht ausſcheidet, auch den erſten: Et setae densis similes hastilibus horrent zu ſtreichen, wie Braune will, kein genügender Grund vorliegt; VI, 281, wo der Vers: Pascere, ait, satiaque meo tua peefora luctu deutliche Spu⸗ ren der unächtheit trägt; II, 556, IV, 768, VIII, 602, wovon ſpäter; VIII, 656, wo der Vers: Concutiuntque toram de molli fluminis unda längſt getilgt iſt. Am deutlichſten ſprechen für obige Annahme die beiden Verſe, die nach VIII, 698 viele codd. haben: Mersa vident quacruntque suae pia culmina villae und: Sola loca(od. loco) stabant, dum deflent fata locorum.

6) Trist. I, 7, 22: adhuc crescens et rude carmen erat; 28: Nesciet his summam si quis abesse manum; 30: Defuit et scriptis ultima lima meis; 59: Quidquid in his igitur vitii rude carmen habebit, Emendaturus si licuisset, erat.

7) Mehreres der Art erwähnt Gierig in der ſeiner Ausgabe vorausgeſchickten Abhandlung de opere Metamorphoscon Ovi- diano, ſo V, 229 vgl. mit 236; beſonders Anachronismen wie I, 218(Urkadien erſt ſpäter nach Arkas benannt), II, 172 vgl. mit 528; III, 559 vgl. mit 1V, 608; die Bezeichnung nobilis aere Corinthus VI, 416; II, 253 ogl. mit 377. Kaum zu rechtfertigen ſind auch in der Erzählung von Pyramus u. Thisbe IV, 55 ff. die Ausdrücke postera--Aa- rora 81, da sacpe vorausging, u. pruinosas herbas 82(wenn nicht etwa pruina den Thau bezeichnen ſoll). VII, 846 reißt Kephalus den Spieß aus Prokris Wunde, obwol es 684 hieß, derſelbe flöge von ſelbſt zurück. VIII, 237 ſchaut das Rebhuhn von einer Eiche herab, und gleich nachher 256 heißt es, dasſelbe fliege nicht vom Boden weg. Von IX, 165 ſpäter. Mehrmals iſt die Hauptperſon der Erzählung gar nicht genannt(Kalliſto II, 409 ff.; Europa II am Ende; Ariadne VIII, 172 ff.; Meſtra VIII, 850 ff.) oder erſt ſpät(Aktäon III, 2 0; Skylla VlI, 91). Die Entſchuldigung, daß der Dichter die Bekanntſchaft mit der Sage vorausſetzen konnte, möchte bei Meſtra u. Skylla nicht ausreichen.