Philosophiegeschichtliche Vorbedingungen.
I. Die englische Asthetik im Zusammenhange mit der sich entwickelnden
modernen Philosophie und als Glied der Entwicklungskette derselben. Ihre
mittelbare Veranlassung durch die unfruchtbare Einseitigkeit des englischen
Empirismus. Unfähigkeit der Engländer, auf theoretisch-philosophischem
Gebiete Erspriessliches zu leisten und ihr Ubertreten auf das praktische.
II. Anschluss der Intellektualisten an Cudworth, der Sensualisten an Locke. Die praktischen Philosophen die Ergänzung des letzteren.
Noch bleibt uns zu untersuchen, wie es sich aus dem Entwicklungsverlauf der neueren Philosophie erklärt, dass nächst den Deutschen es den Engländern vorbehalten war, mit kunst- philosophischen Forschungen hervorzutreten. Um diese Entwicklung vor unseren geistigen Augen vorüberziehen lassen zu können, werden wir etwas weiter ausholen müssen.
Als Hauptursache der ganzen neuzeitlichen Weltweisheit erkannten wir die Reformation; wir sahen ferner, dass nur bei denjenigen Völkern ein reges und dauerndes philosophisches Leben erwachte, welche an jenem grossen Umschwunge mitarbeiteten. Demgemäss wendet sich der Blick des Geschichtsforschers vorzugsweise Frankreich, England und Deutschland zu, wenn er die Entwicklung der modernen Philosophie überschauen will. Die Philosophie der Holländer ist nur ein Abglanz auswärtiger Philosophien, denn Geulinx wurde von den Franzosen, Hemsterhuis, der Asthetiker, von den Engländern beeinflusst; von dem in Holland entstandenen Lehrgebäude Spinozas, des Vertreters des morgenländischen Weltgedankens in westländischem Gewande, werden wir sogleich nachher zu reden haben.
Der Vater der modernen Philosophie ist der Franzose Descartes. Ausgehend von dem „Cogito, ergo sum-, baute er ein System auf, welches sich um die drei Grundbegriffe Gott, Geist, Materie drehte; an diese Grundbegriffe knüpfen sich die Hauptrichtungen der späteren Philosophie in ihren äussersten Ausläufern, nämlich der Pantheismus Spinozas, der Spiritualismus Berkeleys und der Materialismus von Lamettrie und Holbach. Mit Descartes nahm die französische Philosophie einen gewaltigen Aufschwung, dem aber der jähe Absturz auf dem Fusse folgte, noch ehe aus den Grundsätzen jenes Philosophen eine in allen Zweigen ausgebildete Wissenschaftslehre entstehen konnte. Wenn wir absehen von Malebranche, der einzelne Punkte der Lehre seines Vorgängers knapper fasste, ist der Bedeutendste unter den Nachfolgern Descartes' auf französischem Boden nur der Skeptiker Pierre Bayle. Der Skepticismus aber, welcher die Geschichte der Philosophie wie ein roter Faden durchzieht,*) Altes zerstörend und den Boden für neue Schöpfungen aufräumend, bedeutet zugleich die Vernichtung der bisherigen Philosophie. In der That ergiebt sich auch aus der Geschichte der französischen Philosophie, dass an der Grenzscheide des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich ein vorläufiger Stillstand des philosophischen Lebens eingetreten ist.
Unterdessen hatten aber die Gedanken der französischen Philosophen auf englischem Boden
*) Eine geschichtliche Darstellung des Skepticismus in diesem Sinne enthält eine zu Halle im Jahre 1827 erschienene Preisschrift„Dissertatio de Scepticismo“ von Adolph Siedler.


