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von Einheit durchdrungenen Mannigfaltigkeit weisen unzweideutig darauf hin. Sonst hatte man in einer Art von künstlerischem Eklekticismus geglaubt, man brauche nur die schönen Formen von überall her zusammenzusuchen und diese»disjecta membra poetae⸗ zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzusetzen. Mag nun das Ergebnis solcher Zusammensetzungen zuweilen wohl UÜberraschendes hervorbringen, im allgemeinen wird man darin den wesentlichsten Bestandteil eines echten Kunstwerks vermissen, das einheitliche Band, die das Ganze mit Notwendigkeit zusammenhaltende Idee.*)
Dass nun gerade in England der Entwicklungsverlauf der einheimischen Poesie ein so eigentümlicher war, dass sich im Zusammenhange damit eine nationale Kunstphilosophie erzeugen konnte, lag weiterhin in der Rückwirkung der staatlichen auf die gesellschaftlichen Zustände jenes Landes. Das Streben des ausgehenden Mittelalters war auf staatliche Konzentration gerichtet. Nirgends nun, Spanien ausgenommen, wo spätere Missregierung die Früchte einer solchen Errungenschaft wieder verloren gehen liess, war diese früher zu Stande gekommen als in England. In Frankreich hat ja der Kampf des Gesamtherrschers gegen die grossen Feudalherren erst unter Ludwig XIV. seinen Abschluss gefunden, während in Deutschland und Italien erst die letzten Jahrzehnte politische Einheit brachten. Hat nun in unserem Vaterlande vor allem der dreissigjährige Krieg die Kulturentwicklung unseres Volkes jählings unterbrochen, das Gefühl der Stammeszusammengehörigkeit vernichtet und die Blüte der deutschen Poesie um mehr als ein Jahrhundert verzögert, so war dagegen in England der Bildungsfortschritt viel stetiger verlaufen. Nach dem Siege über die grosse Armada wuchs mit dem Aufschwunge des überseeischen Handels und inländischen Gewerbfleisses der Nationalreichtum; dazu das lebendige Gefühl stolzer Sicherheit im englischen Volke durch die günstige Lage seines Landes mitten im Meere,
whicht serves it in the office of a wall
or as a moat defensive of a house against the envy of less happier lands.
Die Bürger- und Religionskriege des 17. Jahrhunderts waren nur zeitweilige Hemmnisse der fortschreitenden Entwicklung und haben für England durchaus nicht jene nachteiligen Folgen gehabt, wie der grosse Religionskrieg für Deutschland. Im folgenden Jahrhundert war das Innere von Grossbritannien von Kriegen ganz verschont, denn der Feldzug des-Pretender's« rief nur ganz vorübergehende Störungen hervor. Die grossen Streitfragen wurden nicht mehr in blutigen Bürgerkriegen mit Waffengewalt ausgekämpft, sondern im Ober- und Unterhause in parlamentarischen Debatten. Der innere Frieden, den von den Ländern Europas keines bis in die Neuzeit hinein schmerzlicher entbehrte als das so oft in Bruderkriegen sich zerfleischende Deutschland, der Aufschwung in Handel und Wandel und die dadurch erzeugte ruhige Behaglichkeit äusserten bald ihre Wirkungen auf die geistigen Bestrebungen, deren Blühen und Gedeihen sie mittelbar beförderten. »Inter arma silent Musae« beweist die Kulturgeschichte auf jeder ihrer Seiten, aber auch das Gegenteil, dass, sobald die Stürme des Krieges schweigen und ein Volk sein materielles Wohlbefinden gesichert sieht, die Musen bei ihm Einkehr halten und der Kunstfleiss dem Gewerbfleiss auf dem Fusse folgt. In dieser glücklichen Lage waren in den vergangenen Jahrhunderten England und seine Bewohner. So konnte neben den ernsten Wissenschaften bald auch die Dichtkunst Pflege finden und jene bewunderungswürdigen Werke hervorbringen, welche wir als die klassischen Vertreter der Renaissancezeit im Gebiete der Dichtung kennen lernten.
*) Auf jenem falschen Grundsatze des Eklekticismus beruhte Batteux' Lehre von der sogenannten„schönen Natur“.


