— 9—
darum, der zurückschauend auf die Vergangenheit am Ende der Renaissanceperiode sich die Frage nach dem Wesen des Schönen vorlegt und die Lösung derselben versucht.
Da, wie bemerkt, die englische Asthetik am Ausgange der Renaissanceperiode ins Leben tritt, ist sie zugleich Zeugin von ihrem Untergange. Derselbe wurde dadurch herbeigeführt, dass auf dem Gebiete der Kunst ein neues lebenskräftiges Princip auftauchte und das ältere, bisher herrschende zu Fall brachte. Der Menschengeist hatte sich in der Erfindung von Formen erschöpft. Die Kunst suchte nach neuen Formen und fand sie in der. Natur. So entstand der Naturalismus des 18. Jahrhunderts, der den letzten Ausläufern der Renaissance, ihrer Verirrung zum Rokokostil, feindlich entgegentrat. Der sich entspinnende Kampf wurde auf dem Gebiete der Litteratur als Streit des Klassicismus gegen den Antiklassicismus ausgefochten und endete mit dem Sieg des letzteren. Wie dadurch wieder die naturwüchsige Frische der Shakespeareschen Muse in die englische Poesie einzog, so erzeugte jener Kampf im Gebiete der Musik die grossartigen Tonwerke Händels und veranlasste das Emporblühen einer nationalen Malerschule in England, deren Hauptvertreter Hogarth, Reynolds uud Gainsborough sind. Aus dem Geiste des Naturalismus erzeugten sich ferner die Schöpfungen Browns im Gebiete der Gartenkunst, welche der Unnatur der Rokokogärten mit ihren geradlinigen Wegen, regelmässig geschnittenen Laubwänden und winkelrechten Wiesenteppichen entgegentraten. Dieser Umschwung im Gebiete der Kunst wird sich auch für die englische Kunstphilosophie von Bedeutung erweisen. Zuvor sei noch bemerkt, dass dieser naturalistische Umschwung sich nicht auf England beschränkte, sondern bald Eroberungszüge nach dem Festlande unternahm. Namentlich fand er in dem England stammverwandten Deutschland fruchtbaren Boden, während er in Frankreich dem übermächtigen Klassicismus gegenüber nur langsam Raum gewann.
Darum ist unsere ganze neuzeitliche Kunstrichtung seit vorigem Jahrhundert wesentlich von dem Geiste des Naturalismus beherrscht. Abgesehen davon, dass man heute von einem echten Künstler voraussetzt, dass sein Werk kein Ergebnis rein mathematischer Berechnung, sondern aus der Fülle des mit Ideeen gesättigten Geistes entstanden sei, ist es die Natur und immer wieder die Natur, auf welche die Kunst zurückgreift. In Deutschland war es die klassische Natur, die antike Welt, aus welcher Schiller und Goethe ihre Ideale schöpften, während ihre Nachfolger, die Romantiker, dieselben der romantischen Natur, dem Mittelalter, entlehnten. Beiden folgte in Deutschland sowohl, wie bei sämtlichen künstlerisch thätigen Kulturvölkern Europas der breite Strom der modernen Naturalisten, deren überreiche Menge künstlerischer Hervorbringungen. fast unübersehbar ist. In der Litteratur ist es der Roman, den die modernen Naturalisten als ihr Lieblingsfeld bearbeiten, in der Malerei und Bildhauerkunst die genrebildliche Darstellung. In letzterer Hinsicht haben es unter den Bildhauern die Künstler in terra cotta zu einem hohen Grade von Vollendung gebracht. Der moderne Naturalismus mit seinem Streben einer möglichst naturgetreuen Wiedergabe der unmittelbaren Gegenwart hat sich auch von Verirrungen nicht frei gehalten. Eine solche Verirrung sind die französischen Naturalisten, die in Emil Zola ihren Führer verehren, und denen im Gebiete der Malerei die Impressionisten und der vielgenannte russische Maler Wereschagin an die Seite zu stellen sind, letzterer vornehmlich deswegen, weil er mit dem genannten französischen Schriftsteller die Neigung teilt, das Grässliche und selbst Abscheu Erregende künstlerisch zur Darstellung zu bringen. Wir wollen hier nicht unerwähnt
lassen, dass die Landsleute Wereschagins erst seit dem Aufkommen des modernen Naturalismus 2


