Aufsatz 
Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des vorigen Jahrhunderts / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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Art des Renaissancestils im Versailler Stil ausgeprägt, und dieser hat gerade bei dem grossen Einfluss, den Frankreich in jener Zeit auf das übrige Europa ausübte, die weiteste Verbreitung gefunden.

Nach Betrachtung der zeitlich aufeinander folgenden Kunstideen, wie sie in den Baustilen ausgeprägt sind, wird zu untersuchen sein, in welcher Beziehung das darin in Erscheinung tretende Kunstbewusstsein der ganzen westländischen Völkergruppe zu dem des englischen Volkes steht.

Hinter den Italienern, Franzosen und Deutschen stehen die Engländer insofern zurück, als der ihnen mangelnde Gestaltungssinn sie nicht in gleicher Weise fähig macht, im Gebiete der bildenden Künste selbstschöpferisch zu wirken. Dass aber auch für sie seit der Zeit des Humanismus das allgemeine ästhetische Bewusstsein ein mit dem des übrigen Europas gleiches war, das beweist die englische Poesie. Auch hier könnte man von der Mitte des 16. bis in das 18. Jahrhundert hinein die Einteilung Frührenaissance, Hochrenaissance, Barockstil eintreten lassen. Hierzu kommt, dass die Poesie keines der gleichzeitig dichterisch thätigen Völker jene Kunstideeen so rein erfasste und in gleich grossartigen poetischen Schöpfungen verwirklichte, wie gerade das englische. Wenn wir die typischen Vertreter der englischen Dichtkunst in dem angegebenen Zeitraume näher betrachten, so werden uns die Grundzüge der erwähnten drei Stilarten sofort in die Augen springen. In den Dichtern, welche kurz nach der Wiedergeburt des klassischen Geistes in England auftreten, erkennen wir die Frührenaissance: humanistisch-antike und mittelalterlich-romantische Elemente mengen sich in ihren Werken und erzeugen einen tiefen, gewaltigen Eindruck. Dies bezieht sich vor allem auf die Muse Shakespeares. In seinem grossen Gegner Ben Jonson arbeitet sich die Antike schon vom Mittelalterlichen los, sodass er den Übergang bildet zur Hochren aissance in der englischen Poesie, zu Milton. Der Dichter des-Paradise Lost*)« ist von durchaus klassisch-antikem Geiste durchweht. Eine gewisse keusche Reinheit giebt seinen Werken eine eigentümliche Klarheit und erhabene Schönheit. Wir finden hier nichts mehr von jener bunten Mannigfaltigkeit der Shakespeareschen Muse, nichts von jenem tollen Durcheinander wildstürmender Leidenschaften; alles ist massvoll und im richtigen Verhältnisse stehend und dabei doch erhaben und voller Leben, wie der edle Bau eines griechischen Tempels mit seinem auf hohen ionischen Säulen ruhenden Architrave und den sauber gemeisselten Bildwerken der Metopen und des Giebelfeldes. Jenes schöne Ebenmass der Miltonschen Poesie entwickelte sich zu der Nüchternheit und Verständigkeit der Dryden-Popeschen Literaturrichtung. Die dichterischen Werke dieser Richtung spiegeln den bei aller dekorativen Fülle frostigen Stil des Rokokozeitalters, bei dem man allzusehr herausfühlt, dass nicht der geniale Wurf künstlerisch begeisterter Menschen Werke dieser Stilart schuf, sondern der berechnende, grübelnde Verstand sie erdachte.

So sehen wir denn, wie die englische Poesie gleich einer klaren Spiegelfläche die verschiedenen Entwicklungsphasen wiederstrahlt, welche die Kunstidee der Renaissance durchlaufen. Da nun von den gleichzeitig literarisch thätigen Völkern keines den Geist der Renaissance in seiner Poesie gleich grossartig zum Ausdruck gebracht, so schliessen wir, dass die Engländer ihn tiefer als die übrigen Nationen ergriffen haben. Darum war gerade der englische Geist, als seine wissenschaftlichen Bestrebungen sich der Philosophie zuwandten, besonders befähigt, in Sachen der Kunstphilosophie ein massgebendes Wort zu reden; er ist es

*) Wie in KlopstocksMessias treten uns auch imParadise Lost christliche Ideen in antikem Gewande entgegen. Wie sehr sich übrigens damals der Hang zum Antikisieren der Engländer bemächtigt hatte, ist auch darin sichtbar, dass nicht nur antike Versmasse nachgeahmt wurden, sondern dass selbst in die Sprache eine ungeheure Menge griechisch-römischer Elemente eindrangen.