Aufsatz 
Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des vorigen Jahrhunderts / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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errichten lassen. Hierin fanden denn auch die englischen Asthetiker philosophische Anregung, als sie der kritische Geist des 18. Jahrhunderts zum Nachsinnen über Ursprung und Wesen des Schönen anspornte. Dazu kommt, dass sie gerade in einer Zeit auftraten, in welcher der künstlerische Erfindungsgeist sich in Formen zu erschöpfen begann und die Gotik nicht allein von der Renaissance gänzlich verdrängt, sondern auch die letztere im Sinken begriffen war. Die notwendig entstehende Frage nun: Welches ist die einzig wahre Schönheitsform, wenn es diese oder jene nicht ist? musste als Antwort die Lehren der Kunstphilosphen erzeugen.

Wenn wir nun die Kunstgeschichte seit dem Mittelalter verfolgen und die Stellung Englands in derselben näher ins Auge fassen, so ergeben sich nicht nur schlechthin die Bedingungen, nach denen wir suchen, sondern es ergiebt sich auch, warum gerade die Engländer im 18. Jahrhundert mit kunstphilosophischen Bestrebungen hervortreten, die bahnbrechend im Gebiete der Asthetik geworden sind.

Um einen klaren Begriff von dem Entwicklungsgang der Kunst seit dem Mittelalter zu bekommen, hat sich unsere Untersuchung an eine Betrachtung der Baustile anzulehnen, denn an dem Baustil tritt der herrschende Kunstgeschmack einer Zeit am augenfälligsten zu Tage.

Seit der Zeit des grossen Umschwungs durch den Humanismus und des Hereinströmens griechisch-römischer Elemente in die mittelalterliche Welt, fing man an, den erhabenen gotischen Stil mit seinem kühnen Bogenschwunge, seinen himmelanstrebenden Münstertürmen, seinen Schnörkeln und Kreuzblumen, seinem bunten Gewirre ineinandergreifender Formen, die aber alle mit dem Ganzen in schöner Harmonie zusammenfliessen, aufzugeben. An seine Stelle trat jene eigentümliche Stilart der Frührenaissance, in welcher sich die antiken Formen mit denen des Mittelalters zu vermählen scheinen. Eine grossartige Massenwirkung, ernste Würde, einfache, klare Verhältnisse und edles Mass in der Dekoration ist wahrzunehmen. Griechisch-römische Formen sind noch mit Freiheit angewandt und dem Bedürfnisse angepasst; daneben finden sich viele romantische Anklänge in den Formen. Weil noch kein festes System ausgebildet ist, herrschen Freiheit, Schwung und Frische in der Erfindung. War diese Stilart, wie der Renaissancestil überhaupt, vorzüglich in Italien zur Blüte gekommen, an den übrigen Ländern des europäischen Westens, soweit sie humanistische Bildung berührte, ist er keineswegs spurlos vorübergegangen. Wenn wir nur mit aufmerksamem Blicke Bildwerke und Bauwerke aus dem 16. Jahrhundert betrachten, so bemerken

wir überall jene eigentümliche Vermischung des Antiken und des Mittelalterlichen, gemütvolle

Kraft, tief religiös angehauchte Romantik und die schönen, klaren Formen des weltfreudigen Altertums.

In der zweiten Periode der Renaissance gab man das Mittelalterliche gänzlich auf, und die klassischen Formen erhielten nicht mehr jene freie Umbildung, sondern wurden genauer nachgeahmt. Das Streben nach malerischer Wirkung durch grosse Massen und schöne, dem Auge wohlthuende Formen ist der Grundzug der sogenannten Hochrenaissance.

An diese zweite Periode schliesst sich eine dritte an, die Zeit der Ausartung zum Barockstil. Auch dieser strebte nach dekorativer Wirkung, kühnem Schwunge, Verwunderung erregenden Effekten; aber willkürlich werden die antiken Formen behandelt und neue abenteuerliche treten hinzu, wobei man oft die architektonischen Gesetze den dekorativen zum Opfer bringt. Alles Geradlinige scheint verbannt und man gefällt sich in lauter geschwungenen, krummen Linien, selbst im Grundriss; die überladene Dekoration ist ein Aufbau von Schnörkeln. Am meisten ist diese