Aufsatz 
Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des vorigen Jahrhunderts / von Friedrich Stehlich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

gleicher Weise zu, denn, einfacher in seinem Gottesdienst, fällt bei ihm die rituelle, äusserliche Seite der Religion nicht so sehr in die Augen. Auf diese legt ja überhaupt der Protestantismus nur geringeren Wert, da ihm die Einkehr in sich selbst und selbsteigenes Arbeiten an seiner Vervollkommnung, also die innerliche Seite der Religion, als die Hauptsache erscheint. Mit dem ablehnenden, ja feindlichen Verhalten gegen die Reformation verzichteten die Romanen auf die geistigen Errungenschaften derselben und vermochten darum auf keinem Gebiete der Philosophie die Germanen zu erreichen. Bei letzteren nun, den Schöpfern der Reformation, erzeugten angeborener Hang zur Reflexion und tiefere Geistes- und Gemütsanlagen die protestantische Philosophie. Wenn darum unter den Germanen die Engländer mit philosophischen Bestrebungen aller Art hervorgetreten sind, auch mit kunstphilosophischen, so verdanken sie dieselben jener besonderen Beanlagung ihres Geistes, welche sie mit den Germanenstämmen gemein haben, jener Geistesbeanlagung, welche im Protestantismus die ihnen genehmste Form der Gottesverehrung fand.

Kulturgeschichtliche Vorbedingungen.

Verhältnis der Kunst zur Kunstphilosophie. Die englische Dichtkunst

und die englische Kunstphilosophie spiegeln in ihren Erscheinungen die

Kunstentwicklung seit Ende des Mittelalters wieder. Rückwirkung der

inneren Geschichte Englands auf seine Kulturentwicklung, namentlich auf geistigem Gebiete.

Nach Darlegung der allgemeinen, weltgeschichtlichen Vorbedingungen, die wir auf gewisse ethnologische Voraussetzungen stützten, ist es unsere weitere Aufgabe, die besonderen Bedingungen für das Entstehen einer Kunstphilosophie aus der Kulturentwicklung Englands heraus zu finden. Unter den civilisatorischen Erscheinungen ist die Kunst das der Kunstphilosophie in der Wirklichkeit Entsprechende. In der Geschichte der Kunst werden wir also die geschichtlichen Vorbedingungen einer Kunstphilosophie zu suchen haben.

Das Kunstwerk ist keine gänzlich willkürliche und ohne Einfluss des herrschenden Geschmackes entstandene Schöpfung; denn wie auf anderen Gebieten des Kulturlebens der Zeitgeist mächtig ist, so macht sich im Gebiete der Kunst der herrschende Geschmack als ästhetischer Zeitgeist geltend. Malerei und bildende Künste, Musik und Dichtkunst werden von ihm beherrscht; er erzeugt den eigenartigen Kunststil, welchen der aufmerksame Forscher in allen künstlerischen Erscheinungen eines gewissen Zeitabschnittes erkennen wird. Die Begriffe»ästhetischer Zeitgeist« und-einheitlicher Kunststil« finden ebensowohl auf ein einzelnes Volk ihre Anwendung, wenn dasselbe eine selbständige, volkstümliche Kunst geschaffen, etwa wie die Griechen, Agypter, Assyrier, Araber, Indier und Chinesen, als auch auf eine ganze Gruppe von Völkern, wenn dieselben das nämliche ästhetische Zeitbewusstsein und die nämlichen Kunstideen gemeinsam besassen. Das war im Mittelalter bei den europäischen Völkern germanischen und romanischen Stammes der Fall, als der gotische Stil der herrschende war; die gleiche Rolle spielte in neuerer Zeit bis weit in das vorige Jahrhundert hinein der Renaissancestil mit seinen verschiedenen Entwicklungsformen. Die Kunstideen nun, welche im Laufe der Jahrhunderte einander verdrängen und in ihren Schöpfungen sichtbare Spuren zurücklassen, sind die Erfahrungsgrundlagen, auf denen sich kunstphilosophische Lehrgebäude