Aufsatz 
Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des vorigen Jahrhunderts / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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rationalistischen Charakter der schottischen Philosophenschule, jener ethisch-ästhetische innere Sinn der gesunde Menschenverstand(common sense) und ein Schönheitsurteil als ein Urteil des gesunden Menschenverstandes anzusehen. Zu beachten ist noch, wie schon die Nachfolger Shaftsburys mehr und mehr eine Trennung der Ethik von der Asthetik vornehmen und erstere zu einem selbständigen philosophischen Fach ausbilden. Sie sind die Vorläufer der deutschen Moralphilosophen in dem Aufklärungszeitalter gewesen.

Verschieden von denen der Intellektualisten sind die Grundanschauungen der jüngeren, sensualistischen Schule, welche jene Verbindung zwischen Ethik und Asthetik endgültig löste. Ohne Rücksicht auf die möglichen Beziehungen, welche zwischen dem ästhetisch Schönen und dem moralisch Guten bestehen, erforschen sie das Schöne lediglich um seiner selbst willen. Dabei betont Burke*) vornehmlich die Einwirkung des Schönen auf das Gefühl des Menschen; Home**) andererseits mehr die praktische Seite, wenn auch nicht ausschliesslich, während Hogarth***) fordert, man solle nicht nach den Wirkungen der Schönheit forschen, sondern nach dem Grunde ihres Reizes, und die wahre Schönheit in der Durchdringung von Einheit und Mannigfaltigkeit erblickt. Was den gleichfalls hierher gehörigen Gerard betrifft, so geht er von dem bereits von Hutcheson aufgestellten=inneren Sinn- aus, von dem auch Burke ausgegangen ist. Diesen ⸗inneren Sinn- zerlegt er in sieben Bestandteile, nämlich in das Gefühl des Neuen, des Erhabenen, des Schönen, der Nachahmung, der Harmonie, des Lächerlichen, der Tugend. Gerard hat also keinen Fortschritt über Burke hinausgethan, sondern, rückläufig in seiner Entwicklung geworden, verfällt er wieder in die von Burke überwundene Verquickung der Ethik mit der Asthetik.

Die Vorbedingungen nun und Verhältnisse, welche das Entstehen der soeben gekennzeichneten Kunstphilosphenschulen ermöglichten, sind auf drei verschiedenen Gebieten der Geschichte zu suchen, nämlich auf dem philosophiegeschichtlichen, dem kulturgeschichtlichen und schliesslich dem weltgeschichtlichen. Dem philosophiegeschichtlichen Gebiete haben wir darum natürlich unsere Beachtung zu schenken, weil die Asthetik als besonderes philosophisches Fach in notwendigem Zusammenhange mit der Entwicklung der ganzen Philosophie steht. Weil ferner die Philosophie, die Kunstphilosophie mit inbegriffen, sich in Wechselbeziehung mit den Bildungsbestrebungen der Zeit befindet, ist für unseren Zweck auch das kulturgeschichtliche Gebiet zu berücksichtigen. Für dieses aber sowohl, wie für das philosophiegeschichtliche, ist der gemeinsame Boden das weltgeschichtliche. Denn gewisse epochemachenden Ereignisse der Weltgeschichte sind die letzte Ursache davon, dass in diesem oder jenem Lande die Geschicke des betreffenden Volkes eine ganz eigenartige Richtung nehmen; sie rufen aber auch jene Männer hervor, welche das Weltganze oder einzelne Teile desselben zum Gegenstande philosophischer Untersuchungen machen und üben ihren Einfluss auf dieselben. Dazu gesellen sich noch gewisse völkerpsychologische Momente, welche sowohl auf die äusseren Schicksale eines Volkes einwirken, als auch die eigentümliche Richtung seiner Philosophie bestimmen.

Ausgehend nun vom allgemeineren und fortschreitend zum besonderen, werden wir mit der Darstellung der zuletzt gekennzeichneten Vorbedingungen, den weltgeschichtlichen, beginnen,

*) Hauptwerk: A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and the Beautiful. 1756 In demselben Jahre erschien GerardsEssay on Taste. **) Hauptwerk: Elements of Criticism. 1762-65. ***) Hauptwerk: Analysis of Beauty. 1763.