Aufsatz 
Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des vorigen Jahrhunderts / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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Die geschichtlichen Vorbedingungen der englischen Kunstphilosophie des Vorigen Jahrhunderts.

Von Dr. Friedrich Stehlich.

Allgemeines.

Charakterisierung der englischen Kunstphilosophie. Die Intellektualisten. Die Sensualisten. Leitende Gesichtspunkte bei Behandlung unseres Gegenstandes.

Wenn der Geschichtschreiber aufmerksamen Blickes den Entwicklungsgang der Philosophie des 18. Jahrhunderts überschaut, wird es ihm nicht entgehen, wie in verschiedenen Ländern Europas zum Teil gleichzeitig eine Anzahl Philosophen auftritt, welche Ursprung und Wesen des Schönen zu erforschen suchen. Unter diesen sind von geringerer Bedeutung die Italiener und Holländer; etwas höher stehen die Franzosen, am höchsten die Engländer und die Deutschen, welche beiden Völker ja nächst den Franzosen den regsten Anteil an der Bildungsthätigkeit der Neuzeit genommen haben. Was nun die Kunstphilosophie der Engländer anbetrifft, so sind innerhalb derselben zwei Richtungen zu unterscheiden, die ältere, intellektualistische, und die jüngere, sensualistische. Die Hauptvertreter der ersteren sind: Shaftsbury, Hutcheson, Reid, die der letzteren: Burke, Gerard, Home, Hogarth. Die Intellektualisten, namentlich Shaftsbury*), baben die Asthetik in die allerinnigste Beziehung zur Ethik gebracht. Wie nach ihnen die Tugend in der Schönheit des Handelns besteht, so der Tugendsinn in dem moralischen Geschmack, welcher, der menschlichen Natur innewohnend, wie jeder andere Sinn der Ausbildung und Erziehung fähig ist. Da sich Moral und Asthetik gegenseitig durchdringen, so haben beide eine gemeinsame Wurzel, das ästhetische Gefühl, welches sittlich ist, sobald es die Schönheit und die Würde empfindet. Hutcheson**), ohne über Shaftsbury hinauszugehen, bildete dessen Ansichten zu einem umfassenden Systeme aus, welches auf der Annahme eines im Menschen instinktiv wirkenden Gefühls für das Wahre, Gute und Schöne beruht. Nach Reid aber ist, ganz entsprechend dem

*) Die Ansichten dieses Weltmannes unter den Philosophen sind niedergelegt in seinenCharacteristics of men, manners, opinions, times. 1711, und in den zwischen 1706 und 1710 geschriebenen, aber erst nach seinem Tode erschienenenLetters written by a nobleman to a young man at the university.

**½) Hauptwerk: An Inquiry into the Original of our Ideas of Beauty and Virtue. 1720.