Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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Anzahl germanischer Wörter aus dem LebenskreiseKrieg in sich aufgenommen.*) Die germani- schen Anwohner der Nordsee(Sachsen, Friesen, Holländer, Engländer) gehören zu den Nationen Europas, welche sich für Schiffs- und Seewesen besonders befähigt zeigen. Bei ihnen entwickelte sich die auch uns geläufige Seemannsterminologie. Dieselbe fand, wohl durch Vermittlung des Holländischen, im Russischen Aufnahme, schwerlich durch eine plosse Laune Peters des Grossen, des Gründers der russischen Seemacht, sondern weil man für die neuen Begriffe im Wortschatze der eigenen Sprache nicht die nötigen Ausdrücke fand. Auf dem Gebiete der Rechts- und Staatswissen- schaft zeichnete sich seit den ältesten Zeiten das römische Volk aus. Diese besondere praktische Begabung schuf in seiner Sprache jene Rechtsausdrücke, welche mit dem Aufkommen des römischen Rechtes im Mittelalter in die neueren Sprachen drangen. Die alexandrinischen Griechen sind die Schöpfer der wissenschaftlichen Grammatik. Sie waren neben den indischen Gelehrten die ersten, welche, vermöge ihrer hochentwickelten Geistesfühigkeit zu zerlegen und Zerlegtes wieder zu ordnen, den chaotisch verworren scheinenden Stoff der Sprache zergliederten und die Teile der Rede mit Namen bezeichneten. Von ihnen stammen unsere grammatischen Ausdrücke her, welche uns indes durch das Lateinische und darum in lateinischer Form überkommen sind.

Kapitel IV. Volksgemüt und Volksprache.

Verstand und Gemüt in ihrem beiderseitigen Verhältnis. Das Individuelle ist Ausdruck des Gemiltes. Wie tritt das Individuelle in der Nationalsprache zur Erscheinung? 1. In der Aussprache. Das nationale Tempe- rament. Seelische Momente in der Aussprache. 2. In der Wortform. Zusammenhang zwischen Wortform, Aus- sprache und Temperament. 3. In gewissen Wortbildungserscheinungen. Das sprachliche Geschlecht. Verkleinerungs- und Vergrösserungsendungen. 4. Im Satzbau. Die Stellung der Satzbestandteile. Die Fran- zosen und ihre stereotype Wortstellung. Gegensatz zu anderen Nationen.

Wie ich früher bemerkte, unterscheidet man im geistigen Organismus die beiden polaren Gegen- sätze Verstand und Gemft. Vergegenwärtigen wir uns ihre unterscheidenden Merkmale. Der Ver- stand ist der Regulator des menschlichen Geistes. Er ordnet und regelt den Gang der geistigen Thätigkeit, indem er die dunkelen Regungen des Gemütes, die Willens- und Gefühlsäusserungen, in gehörigen Schranken hält. Xhnlich regelt das Schwungrad einer Maschine das ganze Räderwerk derselben und verleiht ihr einen ebenmässigen Gang. Der Verstand regelt und ordnet aber heisst: der Verstand unterwirft einer Regel, einer Ordnung, einem Gesetze; dieses Gesetz ist aber kein an- deres als das allgemeine Naturgesetz, das Weltgesetz, welches, das Universum durchdringend, allem in der Welt eine harmonische Bewegung verleiht. Im Verstand stellt sich also der Zug des Men- schengeistes zum Allgemeinen, im Gemüte dagegen zum persönlich Besonderen, zum Individuellen dar. Eben die Gefühls- und Willensäusserungen sind die Bethätigungen desIch im Menschen. Nun ist aber die Sprache vorwiegend ein Erzeugnis des Verstandes, ja bis in ihr innerstes Mark von Logik durchdrungen. Sie scheint gar nicht bestimmt, Ausdruck zu sein für die Willens- und

*) Vergl. Ampére,Histoire de la formation de la langue française. 3me éd. Paris 1871. pag. 340.