Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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Gefühlsregungen, sondern nur für das im Verstande Gedachte. Aber doch lehrt die Erfahrung, dass jeder Mensch in seiner Art und Weise sprachlicher usserung unwillkürlich seine Individualität hervortreten lässt. Auch die Nationalsprachen offenbaren dem Forscher die Individualität der sie redenden Nationen, und schon der Umstand, dass es viele Sprachen giebt, dass jede einzelne Sprache sich in Mundarten scheidet, dass jede Mundart wieder ihre Untermundarten und örtlichen Schattie- rungen hat, beweist, dass sich die allen Menschen angeborene Sprachbegabung individuell üussern will, sonst würden alle Menschen nur eine Sprache haben. Es wäre deshalb falsch, die Sprache lediglich als ein Erzeugnis des Verstandes zu betrachten, sie wurzelt vielmehr im Verstande und im Gemüte, den Stempel dieser Doppelherkunft an sich tragend. Trotzdem hat hierbei der Verstand die vornehmere Rolle; er würde allein im Stande gewesen sein, Sprache zu schaffen, wie die mehr- fach veranstalteten Versuche darthun, künstliche Sprachen nach Regel und Princip zu konstruieren.*)

Indem wir in einem späteren Kapitel noch einmal auf das Zusammenwirken von Verstand und Gemüt beim Bilden der Nationalsprache zurückkommen, haben wir jetzt zur Lösung unserer zweiten Hauptfrage überzugehen:Wie spiegelt sich das nationale Gemüt in der nationalen Sprache? Sobald man wieder die für den Einzelgeist gewonnenen Anschauungen auf den Nationalgeist überträgt, lautet die vorläufige Antwort: Das Individuelle im Nationalgeiste tritt zu Tage:

1. in der Aussprache, 2. in der Wortform, 3. in gewissen Wortbildungser- scheinungen, 4. im Satz bau.

Gefühl und Wille bilden in ihrem Zusammenwirken das menschliche Temperament. Für jeden einzelnen Menschen bestimmt sich das Temperament nach seinem Verhalten zur Aussenwelt. Men- schen, welche einen geringen Grad von Innerlichkeit besitzen, gern in und für die Aussenwelt leben, aber seltener Lust zur Einkehr in sich selbst verspüren, sind entweder Sanguiniker, oder Choleriker. Umgekehrt, Menschen, welche Innerlichkeit in einem hohen Grade haben, welche das Bedürfnis fühlen, ihre Gedanken der Aussenwelt zu verbergen, oder dieser gegenüber eine leidenschaftslose Gleichgültigkeit zeigen, sind entweder Melancholiker, oder Phlegmatiker. So hätten wir, von einem gemeinsamen Gesichtspunkte ausgehend, die bekannten vier Temperamente in zwei Gruppen geteilt. Obwohl nun jene feineren Temperamentsunterschiede in Wirklichkeit höchst selten sind, so lässt sich doch für jeden Menschen mit einer gewissen Sicherheit bestimmen, ob er die Merkmale der ersten Gruppe(mehr Hang zur Aussenwelt), oder die der zweiten Gruppe(mehr Innerlichkeit) be- sitzt, oder ob Innerlichkeit und Hang zur Aussenwelt sich beide in ihm die Wage halten. Um den Ausdruck zu vereinfachen, will ich das Hauptmerkmal der ersten Gruppe Produktivität, das der zweiten Receptivität nennen, Ausdrücke, welche in dieser speciellen Begriffseinschränkung auch von den Psychologen gebraucht werden.

Wie dem Individuum, so giebt nun auch einer Nation ihr nationales Temperament ein indivi- duelles Gepräge. Was die Völker Europas betrifft, so sehen wir bei denen des Nordens die Recep- tivität, bei denen des Südens die Produktivität überwiegen, während bei den Völkern, die zwischen beiden Extremen liegen, Receptivität und Produktivität im Gleichgewicht sind. Die Ursache dieses Unterschiedes dürfte in klimatischen Verhältnissen zu suchen sein, deren tief eingreifender Einfluss

*) Uber den Versuch solch einer künstlichen Sprachschöpfung vergl. Max Müller,Lectures on the Science of Language. Lect. II. Tom. II.