Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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Jedoch gewinnt man aus der vergleichenden Untersuchung der Synonyma der Sprachen interessante Einblicke in das Geistesleben der Völker.*)

Eine weitere Beziehung, welche den Wortschatz einer Sprache zum Gradmesser für die Ent- wickelung des nationalen Verstandes macht, ist der Umstand, dass der Wortschatz wie in einem Spiegel die ganze Kultur eines Volkes wiedergiebt. Da aber der Grad der Nationalkultur abhängt von dem Grade der intellektuellen Entwickelung einer Nation, Kultur und nationaler Verstand also im Verhältnis von Wirkung und Ursache stehen, so wird der Wortschatz, indem er die Begriffs- zeichen enthält, welche jene Kultur geschaffen hat, zum Gradmesser der nationalen Intelligenz. Eine

je vielseitigere Kultur er uns offenbart, eine um so höhere Entwickelung des Denkens ist bei der Nation vorauszusetzen.

Nehmen wir an, wir hätten es mit einem untergegangenen Volke zu thun, von dessen Bauwer- ken, Waffen, Geräten sich nichts bis in unsere Tage erhielt, dessen Schriftwerke verloren gingen, von dessen Sprache aber eine wunderbare Verwickelung von Zufälligkeiten uns ein vollständiges Wörterbuch erhalten hätte. Aus diesem gelänge es, den ganzen Kulturzustand des aus der Welt- geschichte verschwundenen Volkes zu rekonstruieren und daraus auf das bestimmteste zu erkennen, welchen Grad von Intelligenz dasselbe besessen. Auf das genaueste wird sich bei Prüfung jenes Wörterbuchs ergeben, ob die Nation noch auf der niederen Stufe der Fischer- und Jägervölker, ob sie auf der schon höheren der Hirtenvölker, oder auf der noch höheren der sesshaften Ackerbauer stand, damit zugleich auf der Vorstufe höchstmöglicher menschlichen Gesittung. Es wird sich ferner herausstellen, ob sie von dieser Vorstufe auf jene höchste Staffel gelangte, wo nach dem Gesetze der Arbeitsteilung sich neben dem Ackerbau das Handwerk und der Handel entwickelte, wo ferner Künste und Wissenschaften, nützend und veredelnd, dem nationalen Boden entsprossen, um das Leben des Volkes immer reicher und reicher zu gestalten. Kümen nämlich in dem betreffenden Wörterbuche die auf das Weidwerk bezüglichen Ausdrücke überwiegend vor, die auf Ackerbau, Vieh- zucht, Fischerei, Schiffswesen so gut, wie nicht, so hätten wir es mit der Sprache eines Jägervolkes zu thun. Die Sprache würde sich aber als die eines Hirtenvolkes erweisen, wenn in ihr die Aus- drücke für Jägerei, Fischerei, Ackerbau uns in verschwindend kleiner Anzahl begegneten, aber die auf Viehzucht pezüglichen Wörter fast ausschliesslich vorkimen. Ebenso für die weiteren Stufen; doch ist nicht zu vergessen, dass die höheren oft die Lebenskreise der niederen mitumfassen und darum der die höchste Staffel sprachlich zur Anschauung bringende Wortschatz durch seine Viel- seitigkeit die hohe Intelligenz der Nation anschaulich macht.

Unsere Behauptung, dass ein Einblick in den Kulturzustand auch eines untergegangenen Vol- kes durch plosse Prüfung seines Wortschatzes gewonnen werden könne, rechtfertigt sich durch fol- gende Thatsache. Bekanntlich hat man durch Zusammenstellung der allen indogermanischen Spra- chen gemeinsamen Wurzeln gefunden, dass unsere arischen Vorväter vor ihrer Trennung in verschiedene, ostwärts und westwärts wandernde Stämme eine Gesittung erreicht hatten, welche sich weit über die niedrigste Bildungsstufe erhob. Sie waren Hirten und Ackerbauer, jedoch vornehmlich das erstere; von der Feldwirtschaft scheinen sie nur die ersten Anfänge gekannt zu haben. Dafür besassen sie aber einen reich gegliederten Viehstand: ausser dem Rinde trieben sie die Ziege, das Schaf und

2 *) Dr. C. Abel,Uber Sprache als Ausdruck nationaler Denkweise. Berlin 1869.