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gegen kein Wort, welches unserem„Rind“ entspräche. Der Ausdruck für„Tier“ fehlt im Malayischen.*)
Die Abstrakta sind die Erzeugnisse eines mehr inneren, geistigen Lebens und können vor dem Erwachen der Reflexion nicht vorhanden sein. Hat nun die Rede eines Volkes, dessen Geist noch in der konkreten Welt eingeengt und befangen ist, das Gebiet des Abstrakten zu berühren, so nimmt sie Bilder und Gleichnisse aus dem Leben und sucht durch metaphorischen Ausdruck dem Gedanken Anschaulichkeit zu geben. Das verleiht der Sprache der Naturvölker ihren hochpoetischen Anstrich und erklärt die geschichtlich erwiesene Thatsache, dass die Anfänge der Litteratur nicht prosaische, sondern poetische sind. Erst die fortgeschrittene intellektuelle Bildung löst dem Genius einer Nation die Ketten, mit denen er, prometheusgleich, an die konkrete Welt geschmiedet ist. Seine Denkkraft wird fühig auf dem höchsten Gebiete menschlicher Geistesthätigkeit, auf dem der Philosophie, Leistungen zu vollbringen und seine erwachte Reflexion vergrössert den Wortschatz um eine Fülle von Abstrakten. In dieser Lage war im Altertüm das Griechische, ist in der Gegen- wart das Deutsche.
Ich erwähnte vorhin, dass die Rede der Naturvölker, zum abstrakten Ausdruck genötigt, sich diesem durch konkrete Umschreibungen und Metaphern zu nähern sucht. Locke im„Essay con- cerning Human Understanding“ bemerkt, dass sich auf diesem Wege die Sprachen allmählich ihre Abstrakta geschaffen haben. Es könnte darum von etymologischem Standpunkte aus jene scharfe Trennung zwischen Konkretum und Abstraktum verworfen und meine darauf sich gründende An- nahme einer Verschiedenheit intellektueller Entwickelung mindestens angezweifelt werden. Es ge- nüge die Bemerkung, dass dem Redenden ein Abstraktum darum Abstraktum ist, weil ihm die Idee des etymologisch zu Grunde liegenden Konkretums nur dunkel, schattenhaft vorschwebt und das der rein geistigen Welt angehörige Bild ihm allein klar und lichtvoll vor der Seele steht. So ent- hält allerdings das Fortschreiten vom rein konkreten zum rein abstrakten Ausdruck ein geistiges Entwickelungsmoment: um rein abstrakt zu denken, bedarf es grösserer geistigen Anspannung, hö- herer Denkfähigkeit, als im entgegengesetzten Falle. Auch in unserer Muttersprache tragen die Abstrakta ihr konkretes Gewand, so dass es bei dem unserem Sprachgeiste noch lebendigen ety- mologischen Gefühle selbst dem nicht linguistisch Gebildeten möglich ist, bei sehr vielen Abstrakten der konkreten Urbedeutung nachzuspüren. Anders bei Sprachen, welche ihren Bedarf an Abstrak- ten entlehnen müssen, wie es teilweise dem Französischen und Englischen geht. Hier sind die Abs- trakta für den des Lateinischen Unkundigen vollständig Abstrakta; die Verbindung ist gelöst, welche zwischen dem deutschen Abstraktum und dem konkreten Grundwort noch lebendig gefühlt wird und die abstraktumbildende Metapher zu Tage treten lässt. 3
Auch in der begrifflichen Unterscheidung der Wörter sind sich die Sprachen nicht gleich. Das Wort„Freund“ hat im Deutschen die ganz streng abgegrenzte Bedeutung„nahestehende Ver- trauensperson, der man seine innersten Angelegenheiten mitteilt, von der man aber das nämliche Vertrauen erwartet, das man ihr entgegenbringt“. Das franz.„ami“ dagegen kann auch für einen zufälligen, vorübergehenden Bekannten gebraucht werden. Da indes die Sprachen bei manchen Be- griffen strenger, bei manchen minder streng unterscheiden, so ergiebt sich hieraus kein durchgreifen- des Merkmal, an dem man den grösseren oder geringeren Scharfsinn der Nationen messen könnte.
„ *) Fr. Müller,„Allgemeine Ethnographie“. Wien 1873 pag. 46.


