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welche die analytischen Weiterentwickelungen ihrer synthetischen Muttersprache sind. Auch in diesen erkennen wir ein treues Spiegelbild des nationalen Verstandes der Völker romanischer Zunge. Unter ihnen beweist das Französische meine Behauptung ganz besonders. Die Ausbildung des Geistes nach der Seite des Verstandes hin hat bei den Franzosen einen hohen Grad erreicht; eine gewisse Ver- standesklarheit, ein mathematischer Zug in seinem Geistesleben charakterisiert den Galloromanen. In der Wissenschaft liegen seine Haupterrungenschaften auf denjenigen Gebieten, welche angestrengte Verstandesthätigkeit erheischen, also in den exakten Wissenschaften, Mathematik, Physik, Chemie. Dieser Geist der mathematischen Begrenzung, der Präcision, der Berechnung hat dem Französischen jene auffallende Klarheit und leichte Uberschaulichkeit gegeben, welche sowohl durch den höchst einfachen Satzbau, als auch dadurch bewirkt wird, dass der ganze sprachlich zur Erscheinung kom- mende Denkstoff zersetzt, zerkleinert, in seine einfachsten Bestandteile aufgelöst ist.
An zweiter Stelle kommt zur Beurteilung des nationalen Verstandes der Wortschatz in Be- tracht. Ein Wort ist ein hörbares Zeichen für einen Begriff, der Begriff aber ein Erzeugnis des denkenden Verstandes. Darum ist der Wortschatz inhaltlich und wesentlich eine Sammlung von Begriffen und der Wortschatz einer Nationalsprache die Sammlung aller Begriffe, welche vom natio- nalen Verstande ersonnen worden sind. Je geringer nun die intellektuelle Entwickelung einer Nation, um so enger ihre Begriffssphäre, um so kleiner und beschränkter ihr Wortschatz. Dies eine Eigen- schaft der sogenannten armen Sprachen, meist Sprachen jener Menschenstämme, welche wegen ge- ringer geistiger Begabung, örtlicher Abgeschlossenheit oder sonstiger äusserer Verhältnisse sich wenig über die allerursprünglichsten Kulturverhältnisse erheben konnten. Wesentlich verschieden davon die Sprachen hochbegabter Nationen. Aber auch eine solche Sprache kann verarmen, infolge des geistigen Verkümmerns der sie Redenden, ein Fall, welcher eintritt, wenn eine Nation von einer anderen unterjocht wird und die herrschende die Sprache der besiegten zum blossen Volksidiom herabdrückt.*) In Bezug auf den Wortschatz geht es dem Volke genau so, wie dem Individuum: je geistig geweckter und gebildeter dasselbe, mit um so reicherem Wort- und Begriffsschatz ist es ausgestattet, wührend im umgekehrten Falle sich sein geistiges Leben nur um wenige Begriffe dreht, seine Sprache aber arm an Wörtern ist. So versteht und braucht der ungebildete irische Arbeiter kaum mehr als einige hundert Wörter: sein Schatz bewusst gewordener Begriffe kann darum nur ein sehr kleiner sein.
Die Quantität der den Sprachschatz bildenden Wörter ist jedoch nicht das allein massgebende. Es kommt auch auf die Wörter ihrer Qualität nach an. Nach diesem Gesichtspunkt aber lassen sich die sprachlichen Begriffsbezeichnungen in Konkreta und Abstrakta teilen. Nehmen die letzteren in einer Sprache einen bemerkenswerten Raum ein, so war dies nur möglich, weil das die Sprache redende Volk einen hohen Grad intellektueller Entwickelung erreichte. Im umgekehrten Falle ist die Zahl der Abstrakta verschwindend klein. Die Bezeichnungen für Dinge der äusseren Welt mö- gen dann im Wörterbuch einen stattlichen Raum einnehmen, mögen Synonyma in buntester Mannig- faltigkeit bieten, wie dies die Sprachen der Naturvölker auch thun, trotzdem vermag jene selbst reiche Entwickelung einer Welt konkreter Ausdrücke die fehlenden Abstrakta nicht aufzuwiegen. Die Sprache der Zulu hat eine Menge Bezeichnungen für die verschiedenen Arten des Rindes, da-
*) Beispiel: Das Angelsächsische nach Eroberung Englands durch die Normannen.


