Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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im Gebiete der Kunst nicht zu gedenken, welche nicht minder als Kulturerrungenschaften anzuse- hen sind.

Nur diejenigen Völker, welche die genannten Merkmale voll und ganz aufweisen, dürfen nach dem Baue ihres Verstandes als die vollkommensten betrachtet werden. Ein Volk kann in der Aneignung fremder Kulturerrungenschaften eine gewisse Genialität entwickeln, noch hat es aber darum kein Recht, sich den Vertretern dieser Kultur gleichzustellen.

Nach diesen Vorerörterungen nun zum Gegenstand dieses Kapitels selbst! Wie offenbart sich also der Volksverstand in der Sprache? Die grössere oder geringere Verstandesentwickelung einer Nation offenbart sich

I. in der Sprachform d. h. in der Sprache nach ihrem Bau(vornehmlich Flexion, Syntav), wobei sich als Gesetz ergiebt:Je entwickelter das Denkvermögen einer Nation, desto entwickelter ist auch ihr Sprachbau..

II. in dem Sprachinh alt, dem Wortschatz der Sprache. Hier lautet das Gesetz:Je grösser und mannigfaltiger der Wortschatz einer Sprache, desto entwickelter ist das Denkvermögen des Volkes, welches sie spricht.

Das erste der hier aufgestellten Gesetze geht von der Annahme aus, dass die gesamten Sprachen des Erdballs nicht nur stofflich, sondern auch nach dem Grade ihrer Vollkommenheit sehr verschie- den sind. Man erkennt den Vollkommenheitsgrad einer Sprache aus dem Verhältnis, in welchem in derselben die Bedeutungselemente zu den Beziehungselementen stehen. Danach hat man drei grosse Sprachengruppen aufgestellt, nämlich die isolierenden, die agglutinierenden(an welche man gewöhnlich die polysynthetischen amerikanischen Sprachen anschliesst) und die flektierenden Sprachen. Die genannten drei Gruppen, unter sich verglichen, zeigen in der von uns aufgestellten Reihenfolge ein Fortschreiten von der unvollkommeneren zur vollkommeneren Form. In den isolierenden Spra- chen stehen die beiden sprachbildenden Elemente noch neben einander, beide noch wurzelhaft, ohne dass der Versuch einer harmonischen Verbindung gemacht wäre. In den agglutinierenden Sprachen nähern sich beide Elemente, suchen eine gegenseitige Verbindung einzugehen, aber diese Verbindung ist eine nur mechanische. Eine chemische zeigen erst die flektierenden Sprachen, und diese Durch- dringung der beiden Elemente hat in den Sprachen dieser Gruppe jene harmonischen Bildungen er- zeugt, in denen die menschliche Sprache überhaupt ihre höchste Erscheinungsform gefunden. Ein Entwickelungsmoment innerhalb der flektierenden Sprachen ist das Aufsaugen der Beziehungs- durch die Bedeutungselemente, wodurch die ersteren verschwinden und einen Ersatz durch Präpositionen und Pronomina nôtig machen. Dadurch wird eine synthetische Sprache eine analytische, die sich scheinbar wieder der isolierenden Form nähert. Indes wäre es unrichtig eine aus einer synthetischen entwickelte analytische Sprache für minder vollkommen als die erstere zu halten. Gerade weil eine Sprache analytisch geworden ist, wird sie fühig einer Menge Feinheiten des Gedankens zum Aus- druck zu dienen, für welche sich eine synthetische minder eignen würde.

Betrachten wir nun die Völker, welche sich der Sprache nach in die genannten Gruppen ver- teilen. Es ergiebt sich, dass zur dritten Gruppe die Sprachen derjenigen Nationen gehören, welche sich durch ihre am höchsten stehende Bildung als die geistig begabtesten, dem Verstande nach am meisten entwickelten erweisen(Arier und Semiten), zu den beiden ersten Gruppen dagegen die Völ- ker, an denen die Merkmale der höchstbegabten Nationen entweder gar nicht oder nur unvollständig