Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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8 Kapitel III. Volksverstand und Volksprache.)

Stellung des Verstandes im geistigen Organismus. Der Verstand als Moment im Völkerleben. Die Merk- male der höchstbegabten Nationen. 1. Nationaler Verstand und Sprachform. Die vollkommensten Spra- chen nur bei den höchstbegabten und, was damit sich deckt, bei den civilisiertesten Nationen. Scheinbarer Wider- spruch zwischen chinesischer Sprache und Kultur. Die Arier. 2. Nationaler Verstand und Sprachinhalt- (Wortschatz). Konkreta und Abstrakta. Unterscheidung der Begriffe. Aus dem Wortschatz die Kulturentwicke- lung eines Volkes erkennbar und damit die Schärfe seines Verstandes. Der Wortschatz offenbart Specialbean- lagungen der Nation.

Der Verstand, das Organ des Denkens, nimmt im geistigen Organismus die oberste Stelle ein. Durch ihn schützt der Mensch sein Dasein gegen die übermächtigen Kräfte der Natur, trotzt den physisch ihm überlegenen Tieren der Wildnis sein Herrscherrecht ab, unterwirft sich die Elemente und beugt sie wie gehorsame Knechte seinem souveränen Willen. Von den winzigen Anfängen der Urzeit bis zu ihrer gegenwürtigen Grösse entwickelte sich die Kultur durch den Verstand, welcher den Menschen zum Herrn des Erdballs machte. Durch ihn pehauptet aber auch ein Volk einem anderen gegenüber seine Obergewalt. Nicht durch die rohe physische Kraft wird eine Nation zur Herrin der anderen, sondern durch die überlegene Intelligenz. Aus diesem geschichtlich erwiesenen Umstand ergiebt sich die verschiedenartige Begabung der einzelnen Nationen dem Grade nach, welche Thatsache ihre Parallele in der Verschiedenheit der Begabung der Individuen hat. Die Behauptung pleibt selbst wahr bei der Annahme, dass die Nationen aller Rassen, die am tiefsten stehenden viel- leicht ausgenommen, ursprünglich in der Beanlagung ihres Denkorganismus gleich waren: es kön- nen lokale und klimatische Einflüsse auf die Nation schon in ihrem embryonalen Zustande so ungün- stige gewesen sein, dass sie nur eine gewisse Stufe der Entwickelung erreichen konnte und gebannt, wie in einen Zauberkreis, auf dieser für ewige Zeiten beharrte. Je geringer aber die Entwickelung des Verstandesvermögens, desto geringer die nationale Kultur, desto grösser aber jene dunkelen Re- gungen des Gemütes, welche sich dem regelrecht denkenden Verstande widersetzen und ein ruhiges, harmonisches Gestalten durch denselben nicht ermöglichen. Völker, welche diesen geistigen Zustand aufweisen, werden eine Beute der Verstandesvölker, welche zu einer höheren Kultur sich entwickelten und denen bei Bekämpfung ihrer minder civilisierten Gegner eben diese höhere Kultur zum Siege verhilft.

Es fragt sich nun, an welchen Merkmalen wir erkennen, dass eine Nation höher begabt ist als eine andere. Folgende beiden Gesichtpunkte sind hier massgebend:

1. dass eine Nation entwickelungs- und fortschrittsfäühig ist, dass sie sich aus sich selbst heraus proteusartig immer von neuem zu gestalten vermag, nicht urplötzlich in ihrer Entwickelung stehen bleibt und zu einem die Jahrhunderte überdauernden nationalen Petrefakten wird.

2. dass eine Nation erfindungsfähig ist, dass sie auf dem Gebiete der reinen Wissenschaft Entdeckungen macht, die, praktisch verwertet, ein Fortschreiten der Weltkultur bewirken(Dampf- kraft, Elektromagnetismus), dass sie auf dem Gebiete des praktischen Lebens Neues, der Menschheit Nützliches schafft(Kompass, Pulver, Papier, Buchdruckerkunst, Schnellpresse), dass sie ferner auf philosophisch-religiösem Gebiete Maxime ersinnt, welche die Menschheit geistig heben, der Leistungen

*) Volksprache(= Nationalsprache) nach der in einer früheren Anmerkung erwähnten Abhandlung von Böckh.