7— Charaktereinheitlichkeit eines gesamten Volkes zweifeln lassen. Folgende Erwägungen werden diese Zweifel beseitigen.
Zwei polare Gegensätze treten im Leben eines Volkes zu Tage, auf denen die organische Thätig- keit im Inneren des nationalen Körpers beruht: das Individuum gegenüber der Gesamtheit, die Ge- samtheit gegenüber dem Individuum. Beide stehen kämpfend gegenüber: die Gesamtheit sucht das Individuum ihrem Willen zu unterwerfen, das Individuum sucht seine individuelle Sonderexistenz gegen die Gesamtheit zu verteidigen, sein Ich vor der gesamtheitlichen, uniformierenden Beeinflussung zu retten. Dies würde ihm gelingen, wenn es, als 6050» Tolεriαν durch Bedürfnis und Neigung nicht fortwührend zum Zusammenleben mit seinen Volksgenossen gezwungen würde. Dadurch giebt es aber unwillkürlich einen Teil seiner selbst an die Masse ab und nimmt von dem Allgemeingeist in sich auf, der in dieser Masse lebt. Dadurch haben alle Angehörigen einer Nation Teil am natio- nalen Gesamtgeist, trotz Verschiedenheit individueller Charaktere. Dieser Gesamtgeist ist aber ein Erzeugnis des gemeinsamen Zusammenlebens unter gleichen Verhältnissen nicht minder, als der schon im Keim vorhandenen Anlage, ähnlich wie die individuell vielleicht sehr verschiedenen Glieder dersel- ben Familie geistig und leiblich den gemeinsamen Familientypus aufweisen. Der nationale Massen- geist kann übrigens so kräftig sein, dass selbst fremde Elemente seinem übermäüchtigen Einfluss zum Opfer fallen. Darauf beruht die ungemeine Aufsaugungs- und Einverleibungsfäühigkeit mancher Nationen, z. B. des angelsächsischen Stammes, der uns nicht nur in seiner wechselvollen Geschichte der Vergangenheit, sondern dem Kenner des englischen Lebens noch in der Gegenwart dieses Bei- spiel bietet. Am erhabensten bekundet sich aber das Vorhandensein des nationalen Gesamtgeistes in den grossen Zeiten, wenn in der Hochflut der Geschichte ein Volk im Vollbewusstsein seiner Kraft sich erhebt aus dem Einerlei der Alltäglichkeit, heldenmütig wie ein Mann zum Kampfe sich scharend wider innere und äussere Feinde, die seine idealen Güter bedrohen. So beweist eine Nation in edelster Weise durch die That, dass sie eine Einheitlichkeit im Geiste ist. Auch der Sprachge- brauch scheint zu rechtfertigen, uns eine Nation als ein Individuum vorzustellen; man sagt: der Franzose, der Engländer, der Italiener hat diese oder jene Eigenschaft; man meint aber damit: die Franzosen, die Engländer, die Italiener, als Volksganzes gedacht, sind im Besitz dieser oder jener Eigenschaft.
Da unsere bisherige Erörterung ergeben hat, dass eine Nation ein Individuum sei, dessen Seelenleben, gleich dem eines menschlichen Einzelwesens, als Verstandes- und Gemütsleben sich offenbart, so ergiebt sich jetzt, von welchen Gesichtspunkten aus der Gegenstand unserer Abhandlung zu betrachten ist. Die Frage: Wie verkörpert sich in der Nationalsprache der Nationalgeist? teilt sich in folgende beiden Fragen: 1, Wie offenbart sich der Volksverstand in der Sprache? 2, Wie das Volksgemüt? Der Beantwortung der ersten Frage ist das folgende Kapitel gewidmet.


