Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
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vollständige UÜbereinstimmungen zeigt.*) Diese Gleichheiten in den Lebensäusserungen eines plossen Einzelwesens und eines Kollektivindividuums sind so überraschend, dass die Sociologen, unter ihnen Herbert Spencer, die Gesetze der Biologie auf die Gesellschaft anwenden und die Erscheinungen des Werdens und Vergehens der menschlichen Vergesellschaftungen, also auch der Nationen, gestützt auf diese durchforschen. Es ergiebt sich so, dass eine Nation, gleich einem einzelnen Menschen, die Zeit ihres Aufstrebens und Blühens, ihre Jugendzeit, und die Zeit ihres geistigen und leiblichen Verfalls hat, wo bei zunehmender Lebensunfähigkeit der nationale Tod eintritt. Erkannten wir, dass eine Nation ein lebendiger Organismus sei, geistig und leiblich wie ein menschliches Individuum organisiert, so werden sich uns auch die besonderen Lebensäusserungen des National- geistes durch Analoga im Einzelgeiste offenbaren. Der Geist des Individuums bethätigt sich aber erstens als Verstand, zweitens als Gemüt. Innerhalb des Verstandes unterscheiden wir wieder Denk- vermögen und Vernunft, innerhalb des Gemütes Gefühl und Willen. Das Zusammenwirken aller dieser Kräfte ist die Thätigkeit des geistigen Organismus. Sie können bei keinem Menschen fehlen, sonst wäre sein geistiger Organismus unvollkommen, aber die Mischungsverhältnisse dieser seelischen Elemente sind der unbegrenztesten Mannigfaltigkeit fühig. Darauf beruht aber die unendliche Cha- rakterverschiedenhéit der Menschen. Diese scheint jeder Klassifikation zu spotten; trotzdem ist es möglich unter den menschlichen Charakteren 3 Hauptgruppen aufeustellen, nach folgenden 3 Gesichts- punkten: die Verstandeskraft ist in höherem Grade vorhanden, als die Gemütskraft, die Gemütskraft in höherem Grade als die Verstandeskraft; peide Kräfte sind in gleichen Mischungsverhältnissen vor- handen. Das Mehr oder Minder beider polar gegenüberstehenden Kräfte rechtfertigt Ausdrücke wie Verstandesmenschen und Gemütsmenschen.

Im Geiste einzelner Völker fallen uns unschwer ganz entsprechende psychische Erscheinungen in die Augen. Nationen begegnen uns, in deren Seelen der Verstand vorwaltet, andere, bei denen das Gemüt einen breiteren Raum einnimmt, wieder andere, bei denen beide Kräfte im Gleichgewicht sind. Wie ungewöhnlich der Ausdruck ist, sachlich sind wir berechtigt von Verstandesvölkern und Gemütsvölkern zu reden. Die Römer des Altertums waren lediglich ein Verstandesvolk, die Neger- stämme Afrikas und die Südseeinsulaner sind, wie uncivilisierte Nationen zumeist, Gemütsvölker. Bei den Griechen war Verstand und Gemüt in schönem, ebenmässigem Verhältnis. Darum haben sie in Kunst und Wissenschaft, im Gebiete der Gemütsarbeit und in dem der Verstandesarbeit, gleich Grosses geleistet.

Der Volksgeist tritt uns jetzt in zwiefacher Erscheinungsform entgegen, als Volksverstand und Volksgemüt.

Die Ansicht von der Charaktereinheitlichkeit einer Nation, bewirkt durch das Untergehen des individuellen Charakters im Charakter der Masse, dürfte leicht aus folgenden Gründen bedenklich erscheinen. Einem Reisenden, der die Grenzen seines Vaterlandes überschreitet und das Gebiet eines fremden Stammes betritt, schwebt im Geiste der nationale Typus des fremden Stammes vor, der nationale Typus, der im Grunde eine Personifikation des nationalen Gesamtindividuums ist. Er ist aber erstaunt, nur selten Menschen zu begegnen, die diesem Typus voll und ganz entsprechen. Dies kann ihn leicht an dem Vorhandensein eines solchen durchgreifenden Pypus, desgleichen an der

*) Vergl. LazarusEinleitende Gedanken über Völkerpsychologie, pag. 4 7 im I. Band der Zeitschr. für Völkerpsych. etc. Desgl. W. v. HumboldtUber die Kawi-Sprache etc. pag. 46, 47.(Abhandlungen der Berliner Akademie. Berlin 1836.)