— 5— in Wedewers Werk„Ober die Wichtigkeit und Bedeutung der Sprache für das tiefere Verständniss des Volkscharakters“. Frankfurt a. M. 1859. und von G. Curtius in seiner Abhandlung über „Sprache, Sprachen und Völker“. Leipzig 1868.)
Ist es darum wissenschaftlich und praktisch anerkannte Thatsache, dass sich der Geist eines Volkes in seiner Sprache verkörpert, so handelt es sich jetzt darum zu untersuchen, wie der na- tionale Geist in der Sprache zur Erscheinung tritt. Die Lösung dieser Frage wird jedoch erst möglich nach Herstellung gewisser psychologischer Grundlagen, auf welchen sich meine Auseinandersetzung aufzubauen hat. Der Betrachtung dieser psychologischen Vorbedingungen ist das folgende Kapitel gewidmet.
Kapitel II. Einzelgeist und Nationalgeist.
Jede menschliche Vergesellschaftung, auch ein Volk, ein Organismus. Einzelgeist und Massengeist. Die Nation— ein Individuum. Biologie und Sociologie. Der Nationalgeist gleich dem Einzelgeist organisiert. Volks- verstand und Volksgemüt. Widerlegung etwaiger Bedenken gegen die Auffassung eines Volkes als Kollektivin- dividuum. Das nationale Seelenleben— nationales Verstandes- und Gemütsleben. Gesichtspunkte, die für unsere Erörterung gewonnen sind.
Obwohl ein Volk sich aus einzelnen Menschen zusammensetzt, ist es doch kein blosses Aggregat von Individuen. Jede grössere oder kleinere Gemeinschaft von Menschen, die sich zu irgend welchem Zwecke zusammengefunden, gestaltet sich zu einem Organismus, der organisches Leben entwickelt. Da nun die höchste Lebensäusserung der einzelnen Elemente, welche eine mensch- liche Vergesellschaftung bilden, eine psychische ist, so wird auch die höchste Lebensäusserung der Gemeinschaft eine solche sein. Unwillkürlich schliesst sich der Geist der Einzelnen zum Massengeist zusammen. Darum darf der Lehrer vom Geiste einer Klasse, ein Heerführer von dem Geiste reden, der die Mannschaften beseelt. Wenden wir das eben Gesagte auf eine mehr künstliche, für besondere Zwecke zusammengefügte Vergesellschaftung an, mit wie viel grösserem Rechte ist es anwendbar auf eine solche, welche aus den Händen der Natur hervorging und deren Ursprung auf das gemeinsame Herkommen der zugehörigen Individuen zurückzuführen ist? Darum ist ein Volk ein geistbegabtes, organisches, lebendiges Ganze, ein„animal raisonnable“, kein mechanisch entstandenes und mecha- nisch wieder zerfallendes Konglomerat.
Wegen des einer Nation eigenen, als Nationalgeist oder Nationalcharakter zu bezeichnenden Massengeistes ist jedo Nation auch als ein Individuum zu betrachten, das mit einem menschlichen Individuum in seinen Lebensäusserungen, geistigen und leiblichen, nicht nur Khnlichkeiten, sondern
*) Die beiden zuletzt erwähnten Werke sind sehr selten geworden; dem Verfasser ist es darum leider nicht gelungen, sie sich für vorliegende Arbeit zu verschaffen.— Berührt werden die hier einschlagenden Verhältnisse noch von Max Müller in„Lectures on the Science of Language“ Tome I. Lect. I., von Whitney in„Language and its Study“. London 1876. pag. 152 und von demselben in„Life and Growth of Language“(in der französ. Bearbeit. der Bibliothèque scientifique internat.(Paris, Baillière). pag. 184).


