Aufsatz 
Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter / von Friedrich Stehlich
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Staaten englische Sprache und englische Sitten angenommen haben, werden sie doch nie zu Anglo- amerikanern werden, sondern stets als Nation in der Nation zu betrachten sein. Das vollständige Verschmelzen zweier Nationen setzt also eine gewisse Gemeinsamkeit der Abkunft voraus. Ist nun eine Nation durch Verlust ihrer Sprache entnationalisiert, so dringen mit der Sprache des Volkes. dem sie sich angepasst, auch dessen Anschauungen und Gesinnungen ein, eine gründliche geistige Wandlung erzeugend. Dann hat aber die betreffende Nation das Recht verwirkt, ihrer alten Natio- nalität zugerechnet zu werden, mag selbst noch nach Jahrhunderten der Anthropologe in Gesichts- und Schädelbildung der Bewohner des alten Volksgebietes den nationalen Typus wiedererkennen oder der Ethnograph durch vereinzelte Gebräuche, Sagen, Volksanschauungen an die nationale Ver- gangenheit erinnert werden. Die Vlämen Belgiens würden mit Wallonen und Nordfranzosen zu einem Stamme zusammenschmelzen, wenn die vlämische Sprachbewegung erfolglos blieb. Unsere Elsässer wären Franzosen geworden, wenn nicht der Krieg von 1870/71 die alten Reichslande wie- der mit Deutschland vereinigt und dort die deutsche Sprache wieder zu Ansehen gebracht hätte. Selbst der kühnste Panslavist würde wohl nur schüchtern wagen, unsere Pommern als seine slavischen Brüder zu begrüssen, seitdem den alten Pomorjonen nichts als der Name blieb. Ist also der Zu- sammenhang zwischen Sprache und Nationalität ein so enger, so ist es auch erklärlich, warum zum Zwecke der Nationalstatistik*) die Sprache als Kennzeichen der Nationalität angesehen wird, und man die Kopfzahl einer Nation nach der Anzahl der Individuen berechnet, denen die betreffende Nationalsprache als Muttersprache eigen ist.

Hat nun unser Jahrhundert die hier erörterte Thatsache auf politischem und socialem Gebiete praktisch anerkannt, so unterliess es auch die Wissenschaft nicht, einem Principe Bestätigung zu gewähren, dessen Wahrheit die Völker längst instinktiv fühlten. Vor allem hat Wilhelm von Hum- boldt in seinem WerkeUber die Kawi-Sprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechtes mit wissenschaftlicher Bestimmtheit ausgesprochen, dass die Sprachealle feinsten Fibern ihrer Wurzeln in die nationelle Geisteskraft schlage.*) Auch von den national- charakteristischen Merkmalen an der Sprache spricht Wilh. v. Humboldt, indes werden dieselben nur vorübergehend berührt, nicht eingehend erörtert. Ferner redet Pott in seinem WerkeDie Ungleichheit menschlicher Rassen hauptsächlich vom sprachwissenschaftlichen Standpunkte. Lemgo 1856.(pag. 85 87.) von dem Zuhammenhange zwischen Sprache und Volksgeist. Eingehender mit den hierhergehörigen Fragen beschäftigt sich die von Lazarus und Steinthal herausgegebene Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft. Ich verweise darin auf die Abhandlung von Lazarus und SteinthalEinleitende Gedanken über Völkerpsychologie. Band I.(besonders auf pag. 40 44), ferner auf den Artikel von SteinthalUber Charakteristik der Sprachen Band II, weiter aufEinige synthetische Gedanken zur Völkerpsychologie von Lazarus. Band III(zu beach- ten§. 11. Der psycho-physische Typus), schliesslich auf Rüdigers AbhandlungÜber Nationalität in demselben Bande. Monographisch ist die Nationalitäts- und Sprachenfrage noch erörtert worden

*) Vergl. Rich. Böckh.Die statistische Bedeutung der Volksprache als Kennzeichen der Nationalität in der Zeitschr. f. Völkerpsych. und Sprachwissensch. von Lazarus und Steinthal. Band IV. 3. Heft.

*) Das Werk zuerst erschienen in denAbhandlungen der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Ber- lin(Aus dem Jahre 1832). Zweiter Theil. Berlin. Gedruckt 1836. Der erwähnte Passus daselbst pag. 17 folg. Die Einleitung dieses sehr selten gewordenen Werkes ist neuerdings zugänglich gemacht durch die im Calvary- schen Verlage zu Berlin erscheinende phil. u. archaeol. Bibliothek.