Die Sprache in ihrer Beziehung zum Nationalcharakter.
Kapitel I. Einleitende Bemerkungen.
Wesen des Nationalcharakters. Die Sprache sein unmittelbarster Ausdruck. Ansichten von Harris und Vol- taire. Die Sprachen- und Nationalitätsfragen im neunzehnten Jahrhundert. Das Aufgeben der Nationalsprache führt zum Verlust der Nationalität und des Nationalcharakters. Wissenschaftliche Behandlung der hier einschla- genden Fragen. W. von Humboldt. Pott. Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft von Lazarus und Steinthal. Wedewer. Curtius. Zweck und Ziel vorliegender Abhandlung.
Der Nationalcharakter ist die eigenartige Beschaffenheit eines Volkes in geistiger- Beziehung, durch welche sich dasselbe von anderen Nationen unterscheidet. In allen nationalen Lebensäusse- rungen sprechen sich die Eigentümlichkeiten des Nationalgeistes aus, in Sitten und Gebräuchen, in der Kleidertracht, in Rechts- und Religionsanschauungen, in der pildenden Kunst und in der Litte- ratur. Auch im Verlauf der Geschichte eines Volkes spiegelt sich der nationale Charakter, dessen Einfluss auf die Geschicke der Nation nicht geringer ist, als die örtlichen Verhältnisse und die Be- ziehungen zu benachbarten Stämmen. Am unmittelbarsten aber findet er in der nationalen Sprache seinen Ausdruck, weil nichts in so enger Berührung mit dem Seelenleben steht, als die Sprache.
Schon im vorigen Jahrhundert ist diese Ansicht von Harris und Voltaire ausgesprochen, von dem ersteren im„Hermes“,*) von letzterem im„Dictionnaire philosophique“, Artikel„Langues“. In unserem Jahrhundert, wo die Nationalitätstragen brennende Zeitfragen geworden sind, wird das Auftauchen einer Nationalitätsfrage zugleich das einer Sprachenfrage. Eine Nation, deren Sprache man bedroht, glaubt sich in ihrem innersten Wesen angegriffen. Mit Recht. Ein einzelnes Volk oder ein Bruchteil eines solchen auf einem Gebiete wohnend, in welchem eine andere Nation die herrschende ist, giebt mit der Aufgabe gewisser äusserer Lebensformen und mit der Annahme der Sitten des politisch überwiegenden Volkes noch nicht seine Nationalität auf; erst wenn es auf seine Sprache Veraicht leistet, dadurch das geistige Band mit seinen ausländischen Stammesgenossen zer- reisst und einem fremdartigen Elemente Thor und Thür öffnet, verliert es seine Nationalität und, was dieser zu Grunde liegt, seinen Nationalcharakter. Nicht ploss durch gemeinsame Interessen, sondern jetzt auch sprachlich mit dem herrschenden Volke verbunden, verschmilzt es immer mehr mit diesem. Nur wenn der Nationalitätsunterschied sich zum Rassenunterschied zuspitzt, ist selbst bei sprachlicher Vereinigung die Nationaleinheit nicht hergestellt, es müsste denn durch Rassen- kreuzung der kleinere Stamm oder der in der Minderheit befindliche nationale Bruchteil von dem herrschenden Volke nach und nach aufgesaugt worden sein. Obwohl die Neger in den„Vereinigten
*) Hermes or a Philosophical Inquiry concerning Language and Universal Grammar. By J. Harris). Lon- don 1751. Book III. Chap. V.


