Aufsatz 
Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von "Flore und Blanscheflur" durch Sophie Bernhardi
(geb. Tieck)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

23

einzelte Ausnahmsfälle eingeschlichen haben, sind bei Schiller Gesetz und Regel. Aber, was sich in seiner Kneisübersetzung in Gegensatz zu unserem Gedichte nicht findet, ist der Umstand, daß dort keine Strophe weder mit ausschließlich klingenden noch mit durchweg stumpfen Reimen gebaut erscheint, während Bernhardi besonders die erste Form allen übrigen vorgezogen hat. W. Schlegel hielt an den acht Ordnungen des Reimgeschlechtes, wie sie sich innerhalb des Typus ergaben, vollständig, ohne Ausnahme fest; unsere Dichterin da- gegen zeigt doch einen Fall, der gegenüber den normalen Formen eine geringe Abweichung aufweist: VIII 34öl: Die Form abababecC ist durchbrochen von einem stumpfen Reim a im 3. Vers: abat babcc. Bernhardi reimtverloren erkoren zuZorn, was kaum auf ein bloßes Versehen zurückgehen kann, da bereits die Wahl dieses Wortes einen groben Verstoß gegen das hier herrschende Reimgeschlecht be- deutet. Außerdem ist auch die Qualität der Vokale nicht eingehalten, kurzes d reimt auf langes o, der Reim selbst ist also noch unrein. Daneben finden sich noch zwei andere Fälle, die eine Abweichung von den normalen Pypen eintreten lassen, die aber nichts anderes als ein- fache Druckfehler sind oder der Dichterin bei einem momentanen Mangel an Sorgfalt und Aufmerksamkeit entschlüpft zu sein scheinen: VII 35 finden wir an Stelle der Ordnung abababcc die Reihe abababcc, wo auch b einmal im zweiten Verse stumpf wird; es reimtanzu- schaun aufFrauen erbauen. Ahnlich bringt uns wieder X 42 die beiden Schlußreime mit verschiedenem Geschlechte, indem im Typus der reifen Stanzenform der letzte Vers nicht klingend, sondern voll- tönend ausgeht: abababc,C;geschehen wird aufzu sehn gereimt, jedenfalls ein offenkundiger Druckfehler. Im übrigen sind die festen Typen durch das ganze Epos hindurch strenge gewahrt.

In der Verwendung der einzelnen Formen hält sich Bernhardi ebenfalls wieder ganz an die Tendenzen ihrer romantischen Zeitgenossen; ja sie folgte ihnen gewissermaßen noch eifriger und genauer als ihr Vorbild W. Schlegel. Obwohl er wie die anderen Romantiker theo- retisch die reine italienische Form auch hinsichtlich des ausschließlichen Gebrauches der weiblichen Reime durchsetzen wollte(vgl. Minor: Metrik, S. 470), konnte er dieser Forderung in der Praxis nicht nachkommen und mußte, wie wir es in seinem Tristan sehen, den Wechsel des Reim- geschlechtes freigeben. Dort ist sogar die regelrechte Stanzenform mit dem reinen Wechsel stumpfer und klingender Reime in den ersten sechs Versen und dem weiblichen Schlußpaar am Ende mit überwiegen- der UÜberzahl vorherrschend(29·67%), während die Strophenform mit durchgehend klingenden Reimen erst an zweiter Stelle folgt(23%). In unserem Gedichte hingegen tritt der umgekehrte Fall ein. Hier zeigt sich die Vorliebe Bernhardis für eine, wenn schon nicht ausschließ- liche, so doch weitestgehende Verwendung weiblicher Reimpaare bereits in dem Vorherrschen des Typus, der sich durchweg aus klingenden