Aufsatz 
Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von "Flore und Blanscheflur" durch Sophie Bernhardi
(geb. Tieck)
Entstehung
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Aber so regelrecht Bernhardi die äußere Form der Strophen ein- gehalten hat, um so größere Freiheiten hat sie sich in der inneren Struktur der Stanzenverse erlaubt. In einem Großteil ihrer Stanzen wich sie von dem reinen Jambus ab und suchte den Rhythmus möglichst wechselvoll zu gestalten. Nur in 56·5% aller Strophen (d. i. 482) hat sie die reinen Jamben tatsächlich exakt durchgeführt und Hebung und Senkung regelmäßig abwechseln lassen. Wohl ist sie hier, relativ genommen, noch etwas sorgfältiger vorgegangen als W. Schlegel in seinem Tristanfragment dort betragen die Strophen mit durchweg reinen Jamben bloß 51·6% aber absolut betrachtet, sind dessen Abweichungen bei weitem nicht so vielgestaltig wie die ihrigen, da sich ja die älteren Romantiker überhaupt in ihren Stanzen vom jambischen Rhythmus nur wenig zu entfernen pflegten ¹). In unserem Epos zeigt sich die merkwürdige Erscheinung, daß die Dichterin in den ersten Gesängen die Verse viel reiner jambisch ge- baut hat als in déen letzten, daß sie sich also erst nach und nach den KRhythmus immer freier und loser gestaltet hat. Während im I. Gesange noch 78·2% aller Stanzen durchweg die regelmäßige Aufeinanderfolge von Senkung und Hebung zeigen, sinkt diese Zahl in den folgenden Gesängen immer mehr herab, bis es im X. Gesang nur mehr 43˙5% sind; erst gegen Ende des Gedichtes nehmen die reinen Jamben wieder ſetwas zu, bis zu 507%(XII. G.). Der Grund, warum Bernhardi diesen kunstvollen Wechsel in den Versfüßen einführte, war jedenfalls ein beabsichtigter und bestand wohl darin, daß die Monotonie, die Ein- tönigkeit, die eine lange Reihe rein jambischer Verse hervorrufen müßte, möglichst vermieden werden sollte. Darauf deuten nicht nur einzelne Anzeichen, die sich aus dem Gange des Gedichtes und dem Bau der Verse selbst ergeben, hin, sondern dafür spricht auch eine Stelle in der Vorrede W. Schlegels, wo er ausdrücklich hervorhebt (vgl. Einl. S. XXXIII), daß die Dichterin in der Wahl des Silben- maßes, der Behandlung der Reime, derwechselnden Rhythmen und Einschnitte ungefähr dasselbe vor Augen gehabt habe, was er bei der Ausarbeitung seines Tristan erstrebte. Er drückt mithin seine große Freude darüber aus, daß sie, wie er, den Rhythmus nicht ganz rein jambisch gestaltet habe. Die größten und meisten Abweichungen zeigen sich auch in unserem Gedichte an den Stellen des Verses, die ihnen besonders ausgesetzt sind, im Verseingang und unmittelbar nach der Zäsur nach der vierten Silbe; doch hat Bernhardi hier durchaus nicht haltgemacht, sondern ihren vielgestaltigen Wechsel des Rhyth- mus über alle Versfüße und Silben vom Eingang bis an den Schluß des Verses ausgedehnt, während W. Schlegel mit seinen Abweichungen weit konstanter an den beiden charakteristischen Stellen stehen ge- blieben ist. Die überwiegende Anzahl dieser Fälle läßt sich meist mit Hilfe schwebender oder versetzter Betonung auf leichte Art erklären;

¹) Vgl. Minor, Metrik, S. 255.