Aufsatz 
Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von "Flore und Blanscheflur" durch Sophie Bernhardi
(geb. Tieck)
Entstehung
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zeigen als früher: Die höchste Durchschnittszahl für die mhd. Vers- entsprechung weisen die mittleren Gesänge auf, nämlich zehn bis drei- zehn, während sie gegen den Anfang des Epos bis auf neun bis zehn, gegen Ende(XII. G.) sogar bis auf acht bis neun mhd. Reimzeilen abfällt. Auf Grund dieses willkürlichen Schaltens in bezug auf die inhaltliche Wiedergabe der mhd. Verse, des Übergehens ganzer Partien, die für die Handlung oder die Beschreibung der Vorgänge belanglos schienen; und der eigenen dichterischen Zutaten, gelang es Bernhardi, die stro- phische Gliederung des mhd. Sagenberichtes fast überall mit vollem Glücke durchzuführen. In den réin äußerlichen Zahlenverhältnissen läßt sich aber gleichzeitig auch die große Selbständigkeit erkennen, mit der sie ihrer mhd. Vorlage gegenüber getreten ist. Von 852 Strophen ihres Gedichtes gehen etwa 206 inhaltlich ganz auf ihre eigene Erfin- dung zurück, wogegen den übrigen 556 Strophen von den 7885 Versen des mhd. Vorbildes, wie sie es in Myllers Druck fand, kaum 5052 Verse als wirkliche Entsprechung gegenüberstehen ¹). Etwa 10933 mhd. Reim- zeilen hat sie inhaltlich vollständig übergangen. Schon aus diesen äußeren Merkmalen ließe sich auf den Charakter ihres Epos als einer freien Nachdichtung der Fleckschen Erzählung mit Sicherheit schließen.

Durch die Umgestaltung und Vereinigung der kurzen, fort- laufenden Reimpaare in Form einer Stanze erhielt Bernhardi durch- wegs kleine, in sich geschlossene Ganze, die einerseits gegenüber der eintönigen mhd. Darstellung eine größere Lebhaftigkeit mit sich brachten, anderseits der Handlung selbst eine größere Beweglichkeit verliehen, da sie dieselbe in kleinere, aufeinander folgende Bewegungen auflösten und so die Erzählung schneller von einem abgerundeten Faktum zum andern hinübergleiten ließen. Gereichte dieser Umstand schon der Schillerschen Vergilübersetzung zum YNorteile ²), so mußte er noch vorteilhafter auf den trägen Gang unserer Geschichte wirken, wo der Fortgang der Handlung oft kaum wahrzunehmen ist. Wie unsere Dichterin im Innern der Stanze, wie wir noch sehen werden, durch alle möglichen Kunstmittel den Inhalt zu einem innig verbun- denen, eng zusammenhängenden Ganzen zu gestalten suchte, war es am Ende das abschließende Reimpaar, das der Einheit der Strophe einen wunderbaren Abschluß verlieh und ihr jenes hohe, lyrische Ele- ment beigab, das mit der Gewinnung eines liedartigen Charakters die moderne Darstellung von der mhd. rein epischen in so hervorragendem Maße unterscheidet. Obwohl Bernhardi diese Kraft der Schlußreime in ihrer Einleitung(S. IX) vollkommen anerkannte, ja selbst hervorhob, daß erst durch sie die gewisse Zärtlichkeit, die sich in der Form der dreimal abwechselnden Reime ausdrückt, gleichsam die sanfte Befrie-

¹) Selbständige Hinzudichtungen Bernhardis sind im I. Ges. 31 Strophen, II. G. 9, III. G. 17, IV. G. 17, V. G. 13, VI. G. 27, VII. 6.19. VIII. G. 32, IX. G. 21, X. G. 25, XI. G. 41, XII. G. 44 Strophen.

²) Siehe Hermann Dettmer: Progr. a. a. O. S. 22.