Flusse vorwärts, machen keine Abteilungen, sondern bringen die Handlung in einem ununterbrochenen, zusammenhängenden Ganzen. Durch die Strophenform aber, wo immer acht Verse zu einem einheit- lichen Abschnitt zusammengeschlossen werden, wird die Darstellung der Sage in einzelne kleine Stücke zerrissen und in unzählige Teile zerlegt. Schiller war sich auch in dieser Beziehung der Schwierigkeiten seiner Aufgabe bei der Übersetzung des Vergilschen Epos vollkommen bewutzt ¹), wenn er behauptete, daß„der fortströmende Gesang des Gedichtes durch viele kurze Ruhepunkte unterbrochen und ein ein- ziges zusammenhängendes Ganze in mehrere kleine, sich leicht anein- ander schmiegende Ganze aufgelöst werden mufßte, wenn anders die Stanzenform ungezwungen scheinen und das sklavische Gepräge einer Übersetzung verwischt werden sollte.“„Er habe daher öfters vier oder fünf lateinische Hexameter in eine ganze Stanze ausspinnen oder auch umgekehrt acht und neun Verse des Originals in den engen Raum von acht Stanzenreihen pressen müssen.“ Bernhardi stand nun gegenüber dem mhd. Gedichte vor derselben Aufgabe, obwohl jenes sich in vielen Punkten von der Darstellung des lateinischen Epos unterschied. So können wir im mhd. Gedichte, obgleich die Handlung in einem ununter- brochenen Flusse geschildert wird, die Aufeinanderfolge der einzelnen Verszeilen nicht mit einem stetigen Strome vergleichen, weil sie sich zu abgehackt und getrennt aneinander reihen, was oft eine riesige Einförmigkeit hervorruft, während Vergil in schöner, zusammenhängen- der Weise mit großer Feinheit nach längeren oder kürzeren Perioden doch einem Ruhepunkte zustrebt. Dieser mißliche Umstand der mhd. Reimpaare kam aber Bernhardi sehr zustatten, da er für die Wahl einer Strophenform sprach, wo durch die Zusammenziehung und Ver- knüpfung einiger Verse zu einem abgeschlossenen Ganzen das Gefühl der ermüdenden Eintönigkeit von selbst schwinden mußte. Hier zeigt sich der große Vorteil der Stanzenform gegenüber den sich bloß an- einander reihenden mhd. Reimpaaren. Nur handelt es sich jetzt noch darum, ob die Einteilung des mhd. Vorbildes und die Schaffung kleinerer Pausen und Ruhepunkte von Bernhardi richtig getroffen wurde. Das Vorgehen Schillers bezüglich Vergils kann hier schwerlich herangezogen werden, weil die mhd. Verse bloß kurze, bis zu vier- hebige Zeilen bilden, die in dem gleichen Raume unmögxglich so viel Inhalt zu fassen vermochten wie die langen Hexameter des lateini- schen Gedichtes. Unsere Dichterin ging in dieser Hinsicht vielmehr in derselben Weise vor, wie W. Schlegel bei seiner Tristanübersetzung. Die Grenzen für die Aufnahme und Zusammenfassung mhd. Verszeilen in die achtzeilige Stanze wurden nach oben und unten erheblich er-
¹) Vgl. zur Vorrede Schillers noch die Programme: Dr. Paul v. Boltenstern: Schillers Vergilstudien I, Cöslin 1894, S. 14 ff.— Rudolf Neuhöffer: Schiller als Ubersetzer Vergils, Warendorf 1893, S. 10.— Hermann Dettmer: Zur Charakteristik von Schillers Umdichtungen des Vergil, Hildesheim 1899, S. 20— 21.


