Aufsatz 
Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von "Flore und Blanscheflur" durch Sophie Bernhardi
(geb. Tieck)
Entstehung
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diese Wortfügung der Natur des Reimes zuwider sei.Eine Abteilung in Strophen, schließt er,sei ganz unentbehrlich. Zwar hat Bernhardi durch die Wahl dieser Form den epischen Charakter, den die fort- laufenden Verspaare des mhd. Gedichtes hatten, fast gänzlich ver- wischt, da durch die Stanze an sich schon ein lyrisches Element in überwiegendem Maße hervortreten mußte, aber die neue, metrische Gestalt läßt sich hier doch mit dem Grundcharakter unseres Sagen- stoffes noch weit leichter in Einklang bringen, als z. B. die Anwen- dung der Stanzen in Schillers Vergilübersetzung. Durch die Fabel unseres Märchens geht von allem Anfang an ein starker lyrischer Zug, die Geschichte der innigen Liebe der beiden Blumenkinder enthält schon an sich eine solche Anmut und Zärtlichkeit, daß ihr die spie- lende, leichte Form der Stanze nur zum YNorteile gereichen, ja dadurch der sanfte, herzliche Ton der Erzählung noch mehr gesteigert werden konnte. Ganz anders steht es mit der Schillerschen Aneis. Dort ist der Stoff ein rein epischer und verlangt von vornherein, daß seinem epischen Charakter durch eine pathetische und kräftige Darstellung vollauf Rechnung getragen werde; da war die Wahl der lyrischen Form der Stanze eine sehr gewagte und Schiller sah es selbst nur zu gut ein ¹). Wenn dort die Anmut, Grazie und Gelenkigkeit der äußeren Form der Kraft, Erhabenheit und Würde des heroischen Stoffes einigen Abbruch tat, kam sie in unserem Falle dem naiven und zarten Cha- rakter des Sagenstoffes ganz entgegen. Stärke und Pathos, die alle Kräfte des Erzählers bis aufs äußerste anspannen, sind nicht die Kenn- zeichen unserer lieblichen Fabel und deshalb mußte auch für sie eine lyrische Ausdrucksform weit vorteilhafter sein als eine rein epische, die mit Ernst und Wucht den Inhalt pathetisch dahinstürmen läßt. Der spielende, tändelnde Charakter der unschuldigen Kinderliebe verlangte in einer gleich lieblichen, innigen Form zum Ausdruck gebracht zu werden, in der leichte Eleganz und sanfte Harmonie jede übertrieben hohe Würde und übermätige Erhabenheit der Darstellung von vorn- herein zurückhielten. Nicht eine Verletzung des Großen, Erhabenen und Pathetischen war hier zu befürchten, sondern ein allzu starkes sich Hingeben den leichten, tändelnden Spielereien, die durch die Stanzenform äufßerst gefördert wurden und dem naiven, unbewutten Grundzuge unseres Märchens ebenso entgegenlaufen mußten wie dort dem heroisch-epischen Elemente.

Abgesehen von dem mächtigen Hervortreten des lyrischen Cha- rakters, den diese Art der metrischen Gestaltung mit sich brachte, kam durch die Gliederung des Ganzen in abgetrennte Strophen ein vollkommen neues Element in die moderne Darstellung hinein. Die fortlaufenden Verspaare der mhd. Erzählung bewegen sich in einem

¹) Vgl. Friedr. Schiller: Neue Thalia, Leipzig 1792, B. I, I. Stück, S. 3 ff. Schillers

sämtliche Werke: Säkularausgabe, B. XVI, S. 110113, B. X, S. 196 263, dazu Einl. S. XVXX.