Aufsatz 
Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von "Flore und Blanscheflur" durch Sophie Bernhardi
(geb. Tieck)
Entstehung
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ihrem echten Geiste und die Umkleidung derselben mit allem Schmuck gebildeter Sprache und Versifikation, die unsere Dichterin hier unter- nommen, eine der glücklichsten Bereicherungen ihres Zeitalters dar- stelle, da hier noch fast alles zu tun sei. Zugleich teilt er auch mit, daß sie sich ganz an die Erzählung eines Minnesängers gehalten habe, die in der Myllerschen Sammlung abgedruckt stehe, und ihre freie Behandlung mit der süßen Zärtlichkeit, dem blühenden Kolorit und der Fülle sanften Wohllautes ausgestattet habe, welche der Gegenstand fordere. Wie sie also in der äußeren Gestaltung und Ausbildung ihrer Sage W. Schlegel treu gefolgt ist, hat sie auch deren Stoff selbst der- selben Sammlung altdeutscher Gedichte ¹) entnommen, wie jener seinen Tristan. Myller bringt den Text unseres mhd. Gedichtes nach der Erzählung Konrad Flecks im II. Bande seiner bekannten Sammlung nach der Handschrift B.(= Berliner Handschrift), die unvollständig ist, da sie bloß 7885 Verse bietet, während das vollständige Gedicht 8006 zählt²). Aber da es der einzige Textabdruck war, der der da- maligen Zeit zur Verfügung stand, mußte sich eben unsere Dichterin damit begnügen, wie überhaupt alle Dichter, die damals auf etwas Mittelhochdeutsches zurückgehen und nicht direkt die Handschriften einsehen wollten, meistens gezwungen waren, sich mit den Myllerschen Drucken wegen ihres immerhin reichhaltigen Materials zufrieden zu geben. Denn schon die Zeitgenossen Myllers standen der Art seiner Textabdrucke recht kritisch gegenüber und hatten gar bald deren große Mängel und Fehler durchschaut, die er aus purer Nachlässigkeit in die Wiedergabe der einzelnen Gedichte hineingebracht hatte ³). Wenn auch Schlegels Urteil darüber etwas übertrieben und allzu hart ist4), müssen wir uns doch schon in Anbetracht der übermäßig großen Zahl der Druckfehler, die manche Partien total entstellen und ihren Gehalt verfälschen, wundern, mit welch großem Geschick und feinem Ver- ständnis Bernhardi stets den richtigen Sinn zu treffen und sich trotz des Wirrwarrs zurechtzufinden wußte. Da sie sich nun nicht nur in bezug auf das Wesen und die Hauptmomente unserer Sage, sondern auch bezüglich der Sprache dieser mhd. Vorlage ziemlich enge ange- schlossen hat, sollen die Verse und einzelnen Stellen, die in der folgen- den Untersuchung zum Vergleich der beiden Gedichte angeführt wer- den müssen, auch nach dem Texte Myllers zitiert werden, da nur da-

¹) Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12., 13. und 14. Jahrhundert, B. II, von Christ. H. Myller, 1785.

²) Vgl. die kritische Ausgabe von Emil Sommer: Flore und Blanscheflur, eine Er- zählung von Konrad Fleck, Quedlinburg und Leipzig 1846, in der Bibliothek der gesamten deutschen Nationalliteratur, B. XII.

³) Vgl. V. d. Hagen und J. D. Büsching: Lit. Grundriß zur Geschichte der deutschen Poesie von der ältesten Zeit bis in das 16. Jahrh., Berlin 1812, S. 159 ff. Dazu: Böcking: W. Schlegels Werke, B. XII, S. 233.

¹) Siehe Sommer, a. a. O. Einl. S. XXXVII und Wolfgang Golther: Tristan und Isolde und Flore und Blanscheflur, in Kürschners Deutscher Nationalliteratur, B. IV, Abt. III/II.