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mit sich selbst hervortreten zu lassen. Nicht bloß das UÜberflüssige und Mißfällige der alten Dichtung dürfe weggenommen werden, im ganzen aber Form und Manier beibehalten werden; daraus würde nur eine Verfälschung des Alten entstehen, ohne etwas wahrhaft Neuen. Man müsse sich vielmehr ganz an das Wesen halten, die Hülle aber fahren lassen; der Geist der alten Dichtung müsse, aus einem künstlerischen Sinne wiedergeboren, sich aufs neue in einer sprechenden und ein- nehmenden Gestalt verkörpern. Wie die alten Dichter das von ihren Vorgängern Ererbte nach den Forderungen ihrer Zeitgenossen ge- schmückt und ausgeführt hätten, so müsse auch jetzt das Gleiche ge- schehen(S. XXII der Einl.). Von diesen Anschauungen geleitet, trat er 1790 an die Bearbeitung des„Tristan“ heran, der er das Gedicht Gottfrieds und seiner Fortsetzung durch Heinrich von Freiberg, nach dem Textabdruck der Myllerschen Sammlung(II. B.), zugrunde legte ¹). Schlegel dachte über derartige poetische Erneuerungen, wie es sein Tristan sein sollte, ziemlich hoch und hoffte, durch sie allein wieder das Verständnis und die Liebe zur altdeutschen Zeit in weiteren Kreisen zu wecken. Denn er sah deutlich(vgl. Einl. S. XVIII), daß bloße Text- abdrucke, so sehr sie auch willkommen waren, um die alten Gedichte vor dem Untergange zu bewahren, doch den meisten Lesern unzugäng- lich bleiben und nur eine geringe Wirkung ausüben mußten, da ihnen die veraltete Sprache unverständlich war und die weiteren Hilfsmittel, um in deren Sinn tiefer eindringen zu können, dazu fehlten²). Auch das war ein gewichtiger Grund für seine Anschauung, daß eine voll- ständige Umbildung und wirkliche Erneuerung der alten Werke un- umgänglich notwendig sei. Aufßerdem rechnete er damit sogar auf einen großen Erfolg bei seinen Zeitgenossen und nicht bloß auf ein rein äußerliches Verständnis, wie er einmal in seinen Vorlesungen„über britannische und nordfranzösische Rittermythologie(1803—04)“ offen gestand:„Es kommt nur darauf an, eine Dichtung in ihrem eigentüm- lichen Sinne aufzufassen und sie mit dem Glanze aller der Darstellungs- mittel zu umkleiden, welche uns die heutige Ausbildung der Sprache und poetischen Kunst an die Hand gibt, so kann sie die größte Wir- kung nicht verfehlen. Auf diesem Felde ist noch unermeßlich viel Ruhm einzuernten.“ Alle diese Forderungen und schönen Hoffnungen sollten mit seinem Tristan erfüllt werden. Wie er überhaupt die mittel- alterlichen Dichtungen als Mythologie betrachtete, die man wohl er- weitern und modifizieren, aber nichts hinzuerfinden dürfe, so behan- delte er sein mhd. Vorbild. Das Wesen und den Gehalt der Dichtung, den ihm Gottfried verliehen, wollte er festhalten, gestattete sich aber Kürzungen ausführlicher Betrachtungen und Weglassung kleinerer Züge, auch hie und da Zusätze, die ihm zum Verständnis seiner Zeit-
¹) Siehe Wolfgang Golther: Tristan und Isolde in den Dichtungen des Mittelalters und der neuen Zeit; Leipzig 1907, S. 261 ff. 5 2²) Siehe Golther, a. a. O. S. 262.


