Entstehung und äußere Form der romantischen Bearbeitung der Sage von„Flore und Blanscheflur“ durch Sophie Bernhardi(geb. Tieck).
Von Dr. Friedrich Stefan.
I. Abfassung und Entstehung des Gedichtes.
Die vielseitigen Bestrebungen und Tendenzen des romantischen Zeitalters hatten die Aufmerksamkeit seiner führenden Geister auch auf eine Richtung der deutschen Poesie gelenkt, die gerade zu jener Zeit sich in Deutschland einer besonderen Wertschätzung und Gunst zu erfreuen begann: das Aufgreifen und Zurückgehen auf die dichteri- schen und geschichtlichen Darstellungen des Mittelalters. Die Häupter der älteren Romantik, die beiden Schlegel und Tieck voran, waren es, die sich sofort dieses freudige Streben ihres Zeitgeistes zu eigen machten, indem sie die Dichtungen der altdeutschen Vorzeit entweder selbst zur Grundlage ihres eigenen dichterischen Schaffens zu machen begannen oder sie durch direkte Erneuerungen wieder zu Ehren zu bringen suchten. Zugleich nahmen sie die vollständige Führung und Initiative auf diesem Gebiete dadurch in die Hand, daß sie theoretisch wertvolle Winke gaben und praktisch selbständige, mustergültige Bei- spiele schufen, an denen gezeigt werden sollte, wie man den alten Dichtungen am besten beikommen und sie dem Verständnis seiner Zeitgenossen näher bringen könne.
W. Schlegel trat als erster unter seinen Genossen mit derartigen aufklärenden Ratschlägen hervor und lieferte auch den ersten prak- tischen Versuch, eine mittelalterliche Dichtung auf diese Weise wieder- zugeben. Die Grundsätze, die er dabei befolgte, hat er noch in seinen einleitenden Vorworten zu unserem Gedichte(siehe Einl. S. XV— XXII) deutlich und klar niedergelegt. Er geht von der richtigen Voraussetzung aus, daß man nicht eigene Erfindung in die Tracht der ritterlichen Zeit kleiden dürfe, sondern daß man sich bei einem solchen Vorhaben an die echten und noch vorhandenen Dichtungen des Mittelalters an- schließen müsse, da in ihnen die Charaktere der Gestalten schon ge- geben seien, und die verloschenen Umrisse nur aufgefrischt und mit ihren eigentümlichen Farben ausgefüllt zu werden brauchten, um ein anschauliches Bild der ritterlichen Zeit in vollkommener Einstimmung
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