Aufsatz 
Die objektive Apperzeption und ihre pädagogische Bedeutung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

Verfahren zur objektiven Verknüpfung, ohne die Bedingungen der objektiv giltigen Verknüpfung ſelbſt zu erörtern.*)

Im Übrigen iſt es ja ziemlich gleichgiltig, ob man unter Apperzeption eine bloß pſycho⸗ logiſche Funktion oder eine auf ganz beſtimmte objektive Geſetzlichkeit gerichtete Erkenntnisfunktion verſtehen will; es wäre gut, wenn man ſich hier über die Benennung einigen könnte. So lange das nicht geſchehen iſt, ziehen wir unſererſeits doch die beſtimmte Auffaſſung Kants den weit unbe⸗ ſtimmteren Definitionen vor, mittelſt deren man über ihn hinwegzugehen wähnte.

7. Die Einheit der Apperzeption iſt eine Forderung, nicht etwa ein Inhalt, der gegeben wäre. Ihr Inhalt wird auf dem Wege allmählicher Entwickelung erworben und geordnet. Da kann man bei Betrachtung verſchiedener Wiſſensgebiete ſehen, wie die Vorſtellungsbeziehungen fortwährend umgeordnet, wie fortwährend Irrtümer verbeſſert, vielleicht neue Irrtümer an deren Stelle geſetzt werden, bis wir allmählich einen immer weiteren Kreis wahrer Beziehungen und Verknüpfungen gewinnen. Jedenfalls aber kann von einer Korrektur von Irrtümern nur unter der Vorausſetzung die Rede ſein, daß es einen Unterſchied von wahr und falſch gibt, daß alſo ein objektives Zielwahrer Vorſtellungsbeziehung vorhanden iſt.

Ob die einzelne Vorſtellung richtig bezogen iſt, das iſt ja oft ſehr zweifelhaft; die merk⸗ würdigſten Täuſchungen ſind da möglich. Wenn ich eben eine Feder auf den Tiſch lege und ein anderer vertauſcht ſie, während ich wegſehe, mit einer genau gleichen Feder, ſo werde ich ſie ſicher⸗ lich für dieſelbe Feder halten, ich werde wohl gar darauf ſchwören, daß ſie es ſei, und doch irren. Zum Bewußtſein kann uns ein Irrtum erſt dann kommen, wenn die Eindeutigkeit unſerer bis⸗ herigen Vorſtellungsbeziehung gehindert wird, d. h., wenn uns etwas als Widerſpruch ins Bewußtſein tritt.**) Sobald dies geſchieht, ſind wir pſychiſch gezwungen, irgend eine Auflöſung dieſes Widerſpruchs zu ſuchen, die Eindeutigkeit der Beziehungen wieder herzuſtellen.

Aber auch abgeſehen davon zeigt das pſychologiſche Werden der Erkenntnis verſchiedene Stufen der Entwickelung, die von der bloß ſubjektiven Perzeption allmählich in die immer klarere und umfaſſendere Apperzeption hinüberführen. Ich höre z. B. einen Knall, der mich erſchreckt. Der kann keine Sinnestäuſchung ſein, ſage ich mir; der kommt von außen. In dieſem Bewußtſein von außen ſteckt ſchon ein apperzeptives Element(obwohl ich hier noch nicht von Apperzeption reden werde). Ich forſche nun weiter und ſage, der Knall muß von Weſten, ganz aus der Nähe her, gekommen ſein? Richtig! Im Nachbarhofe iſt alles voll Dampf. Von da kam er her. Was iſt da geſchehen? Ein Keſſel iſt geplatzt. Welcher Keſſel? Der alte, erſt kürzlich revidierte Keſſel? Warum iſt er geplatzt? Er war waſſerleer, überhitzt, als friſches Waſſer gepumpt wurde.

*) Dabei ſchiebt Lange merkwürdigerweiſe Kant unter, deſſenEinheit des Selbſtbewußtſeins gebenur eine Einheit des Vorſtellens, nicht aber eine notwendige Einheit des Vorgeſtellten; ſie erzeuge keine objektive, ſondern nur eine ſubjektive Verbindung(S. 91). Dies kann uns freilich nicht wundern, wenn wir(S. 90) leſen:Kant kennt eine ſolche Entwickelung des geiſtigen Lebens nicht. Die Fähigkeit zu apperzipieren wird(nach ihm) nicht durch geiſtige Arbeit allmählich erworben, ſondern iſt vor aller Erfahrung gegeben. Zwar geben wir ruhig zu, daß Kant, teils durch dogmatiſche Beimengungen(vergl. S. 13, Anm.**), teils durch ſeine Ausdrucksweiſe, zu vielen Mißverſtändniſſen und Verkennungen auch ſeiner dauernden Errungen⸗ ſchaften Anlaß gegeben hat; aber ſo gründlich ſollte man ihn doch nicht verkennen. Kant, deſſen Name nicht bloß in der Theorie der Weltentwickelung neben dem Namen von Laplace ſteht, der auch auf dem Gebiete der hiſtoriſchen Entwickelung(vgl. z. ewigen Frieden. Idee zu einer allgem. Geſch.) geradezu ein Vorläufer moderner Entwickelungstheorien iſt, ſollte die Entwickelung auf geiſtigem Gebiete leugnen! Mit demſelben Rechte müßte man Robert Mayer als Gegner der Entwickelungstheorie aburteilen, weil er ſein aller Ent⸗ wickelunga priori' zu grunde liegendes Geſetz von der Erhaltung der Kraft aufgeſtellt hat.

**) Vergl. dazu m. Aufſätze: Der Widerſpruch in theoretiſcher und praktiſcher Bedeutung; Philoſ. Monatshefte XXV, S. 257, ff.