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I. Die Objektivität der Apperzeption.
1. Unſere Vorſtellungen gruppieren ſich nach zwei Geſichtspunkten. Auf der einen Seite ſind ſie alleſamt, zugleich mit den Gefühlen und Willensregungen, in der Einheit des Subjekts verbunden: ſie ſind„mein“. Ob ſie dabei richtig oder falſch ſind, angenehm oder unangenehm, gut oder ſchlecht, gilt gleich; ſie ſind„mein“, weiter nichts. Der Geltungswert kommt nicht in Betracht. Auf der anderen Seite aber müſſen wir gerade nach dieſem Geltungswerte fragen. Der Umſtand, daß die Vorſtellungen„unſer“ ſind, iſt uns hierbei gleichgiltig; wir wollen wiſſen, ob ſie wahr oder falſch ſind, wir fragen alſo nach objektiven Normen, nach denen wir dieſen Wert beſtimmen. Dieſe Geltung wird aber nicht durch die Geſetze der Logik vollgiltig beſtimmt. Denn dieſe Geſetze gehen nur auf die formale Folgerichtigkeit des Denkverfahrens. Wir fragen aber nach mehr als dieſem; denn wir wiſſen, daß wir auch ganz falſche, ja phantaſtiſche Vorſtellungen logiſch richtig behandeln können, ohne daß ſie damit ſelber wahre Vorſtellungen würden.
2. Die Vorſtellungen nennen wir wahr und falſch, je nachdem ſie auf die ihnen zukommenden Gegenſtände bezogen ſind, oder nicht. Die Wahrnehmung eines Schloſſes über jenem Gebirge hatte ich auf den erſten vor uns liegenden Bergkegel bezogen; wie ich weiter gehe, bemerke ich, daß ein zweiter dahinter liegt, auf dem es wirklich ſteht. Jene Beziehung kam dem Gegenſtande nicht zu, war alſo„falſch“; dieſe iſt„wahr“.
In der Beziehung der Vorſtellungen auf Gegenſtände, nicht in dem Inhalte der Vor⸗ ſtellungen ſelbſt, liegt alſo Wahrheit und Irrtum. Dieſe Beziehung iſt aber nicht ſo ganz einfach und ſelbſtverſtändlich. Denn wir haben doch die Gegenſtände(wenigſtens die äußeren) nicht ſelber im Bewußtſein; wir können daher aus ihnen kein Kennzeichen für die Richtigkeit unſerer Bezieh⸗ ungen gewinnen. Das erſcheint dem gemeinen Verſtande zunächſt lächerlich; denn wir wägen, meſſen, berühren doch die Dinge ſelbſt, wie er glaubt. Allein dann, wenn wir geirrt, wenn wir wie im obigen Falle, unſere Vorſtellung vom Schloſſe an einen falſchen Ort bezogen haben, ſo geht uns doch vielleicht eine Ahnung auf, daß wir mit Vorſtellungen, nicht mit Dingen arbeiten; wir beſinnen uns dann vielleicht, daß wir dann, wenn wir von Dingen reden, bereits eine feſte, zur Gewohnheit gewordene Beziehung von Vorſtellungen auf die Dinge meinen.
3. Wir können ja zwei verſchiedene Standpunkte der Erkenntnisbetrachtung einnehmen. Nach der einen, der gewöhnlichen, ſagen wir:„Das geiſtleibliche Ich mit ſeinen Vorſtellungen iſt in der Welt; und in dem Maßeo, als die Geiſteskräfte des werdenden Menſchen ſich entwickeln, lernt es durch Vermittelung des ſinnlichen Mechanismus die Welt immer beſſer erkennen.“ Dieſe Betrachtung zeigt uns den Intellekt, wie er wird, und hat ihr gutes Recht.— Die andere Be⸗ trachtung abſtrahiert von der Welt und dem Werden des Bewußtſeins; ſie ſagt:„Alles, deſſen ich bewußt bin, iſt meine Vorſtellung. Welches ſind die Bedingungen dafür, daß ich von Wahrheit und Irrtum derſelben reden kann?“ Auch dieſe Betrachtung hat ihr Recht; ihr Ergebnis kann dem der vorigen nicht widerſprechen, ſo wenig die analytiſche, anatomiſche Betrachtung des Leibes der phyſiologiſchen Betrachtung widerſprechen kann. Allein es fragt ſich, von welcher Betrachtung wir ausgehen müſſen, wenn wir die Geſetze der Erkenntnis beſtimmen wollen. Da weiſt man heute auch meiſt auf die erſtgenannte Betrachtung, meint wohl gar, die zweite ſei höchſtens für Philoſophen gut, die nichts Beſſeres zu treiben wiſſen. Dennoch liegen die Geſetze des Erkennens ebenſo der Entwickelung des Erkennens zu grunde, wie die Geſetze des Sehens der Entwickelung des Sehens zu grunde liegen. Und wie die Phyſiologie nur fruchtbar arbeiten kann unter Vor⸗ ausſetzung anatomiſcher Kenntniſſe, ſo bedürfen wir auch, wenn wir das Werden unſeres Erkennens erforſchen wollen, zunächſt der kritiſchen Einſicht in die objektiven Bedingungen unſeres Erkennens.


