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Unheimliches verabscheut, wie an Mephistopheles von Gretchen, so an Parzival von Trevrizent und Sigune—, und darin steht Wolframs Dichtung über Göthes Tragödie, dass sie es in die Seele des Helden verlegt, psychologisch vermittelt, keines Teufels neben Parzival bedarf— muss durch eine höhere Macht entwurzelt werden. Der stolze Mensch muss die demüthige Sprache Hiobs:„Ich habe unweislich geredet.... das ich nicht verstehe“, wieder erlernen, ehe die Gottheit den Fluch ihm abnimmt, um in dem Einen, im Glauben, ihm Alles, was er verliert, wieder zu schenken.
Es lässt sich natürlich, trotz Wolframs Neigung zum Allegorisiren, nicht jeder Zug aus Paraival's Leben, noch weniger jede Person ¹) des Gedichts in einen dogmatischen Begriff umsetzen, aber in Wolframs Sinn ist es jedenfalls, das auf der Hand Liegende in solcher Weise zu deuten, so in Clinschor(s. oben) den Bösen in seiner Ohnmacht zu erkennen, vor dessen Zauberbann Parzival, im Gegensatz zum Weltkind Gawan, gesichert bleibt. Er stürzt sich nicht gleich Faust in dessen Gewalt, weder mit dem Bewusstsein eines Paktirens, noch mit dem unbewussten Hang zum Laster. Alle seine Kämpfe, zum Beweis der philo- sophischen Tiefe des Dichters, vollziehen sich rein menschlich, innerlich. Auch sind seine Verirrungen keine groben, fleischlichen Sünden wie bei Augustin und Faust. Um so geeigneter ist daher das Epos zu einem psychologischen Spiegel für jeden denkenden, ringenden und kämpfenden Christen, während auf dem Gebiete nichtchristlicher Denkweise solche Kämpfe unausführbar, ja undenkbar bleiben. Das Mittelalter, welches uns von Skrupeln der Mönche berichtet, die sich aus einer Vorliebe für eine nicht geistliche Beschäftigung, aus harmloser Freude an einem schönen Garten oder einem heidnischen Autor ein Gewissen machten, steht in religiös-sittlicher Hinsicht lange nicht so tief, als man es sich so gerne einredet. Wenigstens findet sich neben einer allerdings grossen Barbarei²) im Allgemeinen eine Zartheit des Gewissens bei Einzelnen, eine Ehrlichkeit in der Selbstbeurtheilung, dem göttlichen Geiste gegenüber nach Gottes Wort(vergl. die Gewissens- unruhe des grossen Reformators im Klosterleben), eine Hingabe des ganzen Herzens an die erkannte Wahr- heit, wie sie die Christenheit unseres Jahrhunderts kaum mehr kennt, da von Jugend auf die weltliche Gesinnung im öffentlichen Leben als eine Macht ihr gegenübertritt, und so gern das sündige Herz in sitt- lichen Verirrungen ihr den Tribut zahlt.
Ist nach dem Erläuterten die göttliche Gnadenführung als des Lebens Leitstern die Grundidee des Gedichts, so weiss doch andererseits Wolfram sehr wohl die Frage des Menschen„Was muss ich thun, dass ich selig werde?“ zu würdigen. Denn erst diese Frage, allerdings in einer der Parzivalsage ent- sprechenden Einkleidung, setzt den Menschen in den Besitz des Heils, Parzival in den Besitz des Gral- königthums, wie ja auch erst durch die Frage die Templeisen in das, von der Welt nach allen Seiten hin sechzig Meilen weit abgetrennte Heiligthum ihre Aufnahme erlangen, und Parzivals Frage wiederum erst des Anfortas Leiden zu heben vermag. So lange aber der Mensch in seinem Streben den Glauben als blosses Accidens weltlicher Erziehung und menschlicher Bemühung betrachtet; so lange er, angesichts der Herrlich- keiten der Gralsburg, doch noch nicht das specifische Wesen des Heilsgutes erkennt und begehrt; so lange er den entscheidenden Schritt abhängig macht von den anerzogenen Regeln der Schicklichkeit, lässt er die Frage nicht über seine Lippen kommen. So befindet sich der Christ inmitten der Heilsgüter von Anfang an. Der leidende Menschenflscher, der in seiner Leidensgestalt seinen Königsglanz verbirgt, lädt den Wanderer zu seinem königlichen Mahle ein, schämt sich nicht den Fremdling als Freund zu seiner Rechten zu setzen. Parzival aber wird, vor seiner Umwandelung, wiederholt der getoufte genannt, um als zugehöriger Jünger des Herrn, wenn auch irrender, zu erscheinen.
¹) Es dürfte für die Interpretation des Parzival erspriesslich sein, wenn berufene Germanisten die Ety- mologie der Namen etwas eingehender untersuchten, als es bis jetzt geschehen ist. An einigen Namen wenigstens hat Simrock die Selbstständigkeit des Dichters in der Umbildung derselben nachgewiesen, wie sie ihm„durch Hervorhebung des Grundgedankens Einheit in das Gedicht zu bringen“ schien. Vergl. über Kiot, pag. 520 f.
²) Und einer gewiss verwerflichen Gewissensquälerei über peccata ficta.


