Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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Er sieht des Königs Wunden, hört beklagen die Schmerzen des Mannes, der am Kreuze hängt, vergiftet vom Pfeile ¹) der Bosheit. Es wird ihm das christliche Schwert des Geistes angeboten und doch fragt er nicht in solchen Stunden gnädiger Heimsuchung. Erst wenn er gelernt hat, an seinem inneren Halte irre zu werden und seine Selbstgerechtigkeit, seine sittliche Autonomie als einen Truggeist zu durch- schauen und zu bannen, vor dem Gral ins Knie zu sinken, fragt er nach dem Grunde jener Leiden. Mag auch diese Frage Vielen eine blosse Ceremonie zu sein dünken: sie bleibt dennoch die einzige gültige Form für alle Seelen, in welcher sie das Heil erlangen. Auch der Stolzeste muss sie nachsprechen dem Bettler, der Weise dem Unmündigen, der ins Himmelreich eingegangen ist.

Wichtig ist schliesslich noch die Durchführung des Gedankens, den ich schon oben dargelegt, dass das geistliche Heldenthum den Christen auch für weltliches Ritterthum, Arbeit, Ehre,zu jedem guten Werke geschickt und tüchtig mache, wie umgekehrt die tüchtigsten, ehrenwerthesten Ritter und Kämpfer am unfähigsten sein können zu einem ernsten Kampf um das höchste Gut. Der ritterliche Held, unbefriedigt und müde des irdischen Treibens, legt seine Kunst und Fertigkeit, seine Schätze und Ehren nieder, wirft sie weg, um im Gral Alles wiederzufinden.

Es mag wohl Wolfram von der Gralsage Manches unverstanden geblieben, Mancherlei in der Aus- führung der Idee missglückt sein, wie sie ja noch uns, sowohl in ihrer Urgestalt, als in der Auffassung des Dichters, der Räthsel viele bietet. Wenn aber jenes mit nichten das Verdienst Wolframs schmälert, das grösste Problem des Geistes, das soteriologische, in die deutsche Dichtung eingeführt, aber auch in grossem Stile gelöst zu haben, so wird wohl ein Versuch, dem noch lange nicht genug erforschten Grund- gedanken des Gedichts von theologischem Standorte aus durch Reproduktion des psychologischen Processes gerecht zu werden, gestattet sein ²).

¹) Vergl. Simrock zur Lanze des Longinus in der Bearbeitung der Sage bei den späteren Nordfranzosen, pag. 568 der Einl.

²) Vergl. Simrock Einl., pag. 568 über die Christianisirung der Sage. S. Marte Wolfr. 413. Ueber das Christliche der Erwählungslehre vergl. meine Abhandlung über die Prädestinationslehre des Koràn im Gym- nasialprogramm von Weilburg 1873, pag. 3 ff.