Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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13 während er eine geistlose Weltflucht mit eingebildeten Kämpfen keiner Beachtung würdigt. Nur bei Trevrizent etwa lässt er das Asketenthum sich gefallen, bei einem Ritter nemlich, der von einer Welt, die ihn be- trogen, des Treibens und Kämpfens müde, sich in die Beschaulichkeit einer einsamen Zelle zurückzieht, oder bei Sigune, welche in ihrem Schionatulander Alles verloren hat, was sie an das Weltleben hätte zu fesseln vermocht. Die Templeisen aber sind in unserem Gedichte das Ideal geistlicher Ritterschaft; denn sie sind die Vorkämpfer der Schwachen und Unschuldigen, die Wächter der heiligen Räume, die Zeugen des Evangeliums.

Jedoch bedarf auch ihre Arbeit, um eine planmässige, Gott wohlgefällige zu werden, der Stäte, der Festigkeit, die aber durch den Zweifel, die Unstäte, vermittelt ist; dies der grosse Vorwurf unseres Ge- dichts. Nicht als ob der Zweifel ein Gut, Ziel der Geistesentwicklung, oder auch nur, in vorliegender destalt, das nothwendige Moment jeder Bildung, ein unvermeidlicher Durchgangspunkt auf dem Wege religiös-sittlicher Reinigung wäre: nein, wer einmal Gralshüter geworden ist, darf nicht mit Anfortas sich in weltlichen Minnekampf zurückbegeben, wenn er nicht an unheilbarem Gifte dahinsiechen soll. Ehe der Christ zum Hüter des Mysteriums für gereift erachtet wird, hat er den Kampf mit der Welt und dem Ge- setz in seinen Gliedern bis zur Entscheidung für das Prinzip des Geistes und der Kraft zu bestehen. Dieser Kampf ist das Erbe seiner Natur; denn dem Leibe nach ist er das Kind der Sünde(vergl. Psalm 51) und seine Gespielin die Leidenschaft. Der Erzeuger, der stürmische, kämpfende, leidenschaftliche, wankel- müthige Gamuret; die Gebärerin Herzeloyde, die Leidtragende, von ihrem Gemahl, wenigstens nach dessen Vergangenheit ¹), Betrogene, Verlassene. Glück und Leid, Armuth und Reichthum sind seinem unsterblichen Geiste, mit seinen inneren Gegensätzen, in der Wiege bereits zugemessen ²). Das Kind menschlicher Eltern trägt in sich ein tragisches Geschick, welches nimmer in den Freuden der Welt seine Lösung findet. Aber der ewige Geist ist aus Gott geboren, von Gott zur Gralspflege prädestinirt, trotz aller zu überwindenden Verirrungen, wie dies so schön die Sage von dem Engel andeutet, welcher jedesmal die Hostie vom Himmel herabbringt und den Namen des zum Nachfolger des Gralshüters bestimmten Menschenkindes in die Schale einzeichnet. Der biblische Ausdruck für diesen grossen Gedanken ist dieser:So liegt es nicht an Jemandes Laufen und Wollen, sondern an Gottes erbarmender Gnade, die uns erwählt in dem Geliebten, ehe der Welt Grund gelegt ist. Dass aber ein solcher erwählter Gralshüter nicht untergehen könne im Trotze der Sünde und des Irrthums, drückt die Patristik unvergleichlich wahr und schön aus in den Trostesworten jenes Bischofs an die betrübte Mutter Augustins:Es ist nicht möglich, dass ein Sohn so vieler Thränen ver- loren gehe. Herzeleide stirbt, ohne den Geretteten umarmen zu können; Monica geht ihrem beweinten Kinde nach und findet es begnadigt wieder. Aber nicht die Denksprüche und Warnungen beider Frauen, noch die Eindrücke der Erziehung überhaupt, noch die Theorie der Schule mit ihrer Methodik und Systematik, Sei es dort Rhetorik und Philosophie(Cicer. Hortensius), hier die Maximen des Gurnemanz, vermögen vor dem heil- losen Dualismus(Manichäismus) mit seinen praktischen Verirrungen auf die Dauer zu bewahren. Ebensowenig vermag die eigene Tugendkraft den inneren Riss zu heilen. Allein Gottes Gnade, die den Menschen an sich verzagen lässt, an die satanische ³) Gewalt des Zweifels hingibt, um ihn mit dem Gefühle der eigenen Ohn- macht zu durchdringen, nimmt den Fluch, den er verwirkt und auf sich geladen ⁴4), von seinem belasteten Haupte und führt ihn auf dem Wege der Offenbarung zum Vollbesitze des Friedens. Das Satanische eben des Zweifels(Hiob, Göthe's Faust), von schlichten Menschen, von frommen, reinen Seelen als etwas

¹) Trotz seiner nachmaligen Treue gegen Herzeleide, vergl. deren Worte 110, 22:Der immer Treu an mir beging. Seine Vergangenheit gehört nicht ihr, sondern einer Anderen. Sie selbst hatte als jungfräuliche Wittwe ihm ihre Hand gereicht, vergl. den Inhalt des 2. Buchs, besonders die Seelenkämpfe Gamurets.(Die Jugendgeliebte Anflise und die schwarze Königin von Zassamank theilen die Herrschaft über sein Herz mit Herzeleide.)

¹) Vergl. die tiefsinnige Auffassung des Eros, als des Kindes des Plutos und der Peneia, in Platons Symposion.

³) Vergl. die Zusammenstellung des schwarzen Höllenwirths mit dem Zweifel im 3. Buch.

) Vergl. die Verwünschung des Tages der Geburt bei Hiob.

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