— 12—
Vorschriften, noch an die Vorwürfe wegen seines ehemaligen Schweigens. Weit tiefere Lehren hatte er inzwischen in sich aufgenommen, weit schwerere Seelenleiden in sich ausgekämpft. Dieses unendliche Leiden aber in und um sich, seine Sünde zumal hat ihn fürs Mitleiden empfänglich gemacht, einem Leidenden gegenüber, der an den Folgen seiner Sünden sich abquält. Es jammert ihn des gemarterten Königs. Von Mitgefühl und inniger Theilnahme überwältigt, fragt er den König, allerdings in der vorgezeichneten Weise; aber was ihm selbst einst nur Mittel zur Beseligung geworden würe, ist als Mittel in den Dienst des leidenden Bruders gestellt. Das mit Gott versöhnte Herz, das nur seiner Sehnsucht gelebt, ist in Liebe aus sich heraus- gegangen, und hiermit hat die sittliche Läuterung Parzivals ihren Abschluss erreicht.
Nunmehr erfüllt sich der zweite Wunsch des Helden, den er einst seinem Beichtvater Trevrizent eröffnet hatte. Condwiramur wird gemeldet(beim Plimizoel). Parzival reitet ihr glückselig entgegen und trifft sie mit seinen Söhnen an derselben Stelle, an welcher er fünf Jahre vorher dem heftigsten Verlangen nach seinem holden Weibe sich in wonnigem Traume ergeben hatte¹). Darauf wurde, gemäss jener himm- lischen Botschaft, Kardeiz zum Könige der weltlichen Erblande proklamirt. Auf der Rückkehr findet Parzival seine Beratherin Sigune zum dritten Male, jedoch diesmal todt, und bestattet sie an der Seite ihres Schionatu- lander ²). Feirefiz sieht als Heide den Gral nicht von Anfang an, sondern erst als er sich aus Liebe zu Repanse taufen lässt; später zieht er mit dieser, als seinem Weibe, nach Indien, seiner Heimath. Sein Sohn ist der Priester Johannes 3).— Ueber Loherangrin(Brabant) und die Schwansage s. 824 ff. und Grimms deutsche Sagen.—
Ich möchte sagen, eine Charfreitagsweihe ruht auf dem ganzen Epos, dessen Kern das Symbol der Erlösung ist, der Gral nemlich als das Gefäss der Hostie(Sage von Joseph von Arimathia) und somit als der Inbegriff des christlichen Mysteriums im Tabernakel, wie denn das Mittelalter besonders es liebt, in der Transsubstantiation die Poesie der göttlichen Offenbarung, allerdings nicht frei von pantheistischen Immanenz- vorstellungen, zu veranschaulichen. Dass diese Anschauung aber sich mit protestantischen Ideen zersetzt in unserem Epos vorfindet, beweist die Auffassung der Liturgie, der priesterlichen Pflege des Mysteriums der Eucharistie, wie sie uns begegnet. Hüter des Grals ist keineswegs der asketische Priester, vielmehr der christliche Held, der geläuterte bewährte Mann, der auch im Irrthum nach Gott gesucht hat. Ihm unter- geordnet sind die Templeisen, die allerdings die geistlichen Gelübde leisten. Nicht der Cölibat jedoch als solcher begründet ein Verdienst oder eine höhere Würdigkeit; denn der Gralkönig darf und soll sogar das ihm von Gott bestimmte Weib ehren und lieben. Repanse, die reine Jungfrau im Gralsdienste, ist doch so wenig an die in der Hausordnung der Gralsburg begründeten Entsagungen für Zeit und Ewigkeit gebunden, dass sie sich vielmehr mit dem bekehrten Feirefiz vermählt, und in ihrer christlichen Ehe sogar zur Evan- gelistin unter den Indern wird. Den Gral findet weder weltliches Ritterthum(Gawan) mit aller seiner Ehre und Tugend, noch das Priesterthum als solches mit seinen Weihen, sondern nur die geläuterte, dabei kindlich bewahrte Seele4). Der Zustand des naiven unbewussten Handelns allerdings, welcher der Welt gegenüber mit ihrer Kunst und Wissenschaft, Sitte und Bildung, mit ihrem Prunk und Glanz lächerlich, sogar bemitleidens- werth erscheint, das kindliche Gottesahnen allein führt noch nicht zum Ziele, sondern nur zur Vorhalle des Mysteriums. Das Heil muss auf dem Wege der Erkenntniss, durch Läuterung des Bewusstseins erlangt werden. Auch bedarf es dazu vorab eines Kämpfens in und mit dem Leben und es gilt, nicht geringe Gefahren zu bestehen. Aus der glänzenden Schilderung der Herrlichkeiten und Tugenden der Tafelrunde ersehen wir, mit wie gesundem Lebensmuth der Dichter das Leben mit seinen grossen Aufgaben auffasst,
¹) Trevrizent hatte ihn wegen einer falschen Mittheilung zuvor um Verzeihung gebeten.
²) Man vergleiche über dieses herrliche Liebespaar Wolframs fragmentarischen Titurel.
³) Simrock, Einl., pag. 22.„Den Priester Joh., welchen Wolfram nur kurz erwähnt, mag Er zuerst in die Gralssage eingeführt haben“..
4¹) Vergl. Sigunens Worte:„Es muss unwissend geschehn, Soll jemand die Burg ersehn.“ 250.


