Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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für die innere Wendung und Befreiung der Seele des Helden, nach Vilmar das Herrlichste, was je in dieser Art gedichtet worden ist, nach Bartsch der Mittelpunkt der ganzen Dichtung. Was darauf folgt, ergibt sich fast von selbst, es ist die Erlangung der Gralschätze mit allgemeiner Beglückung, Wiederfindung und Versöhnung.Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches AHles zufallen.

Die gerettete Seele wird freilich, um ihrer Erlösung gewiss zu werden, sich eine Zeit lang selbst überlassen bleiben, wie bei den entscheidungsvollen Bekehrungen eines Paulus und Augustinus. Daher füllen die folgenden Abschnitte wieder Gawans Abenteuer aus, deren Zugehörigkeit zur Idee des Ganzen dadurch erwiesen ist, dass er nach dem Grale sucht: Buch 10, Gawan mit Orgeluse; 11. Buch: Gawan und das Wunqderbett auf dem verzauberten Schlosse des Clinschor; 12. Buch: Gawan und sein Gegner Gramoflanz; Gawan sendet eine geheime Botschaft an Artus; 13. Buch: Gawan erfährt die Geschichte des Zauberschlosses von Clinschor, vor welchem übrigens ein höchst wichtiges Moment für die psychologische Lösung des soteriologischen Problems in unserem Epos Parzival, da er sich nicht unbesonnen in Gefahren stürzt, durch seines Gottes gnädigen Schutz bewahrt bleibt¹). Artus kommt auf die obige Botschaft in die Nähe des Genannten, Gawan zieht ihm unter freudiger Begrüssung entgegen. Aber wo bleibt Parzival? An einem Flusse hatte Gawan einen unbekannten Ritter, mit dem er auch im Folgenden(Buch 14) kämpft, getroffen. Es war kein anderer als der Held des Gedichts, der bereits in der Welt unerkannt bleibt und zu bleiben wünscht(amat nesciri nach einem bezeichnenden Terminus aus der vorreformatorischen Askese, vergl. Hagenbach, Kirchengesch., 2. Bd., pag. 601 ff.). Erst als er siegreich aus dem Kampfe mit Gawan, dem Prototyp weltlichen Ritterthums, hervorgegangen ist und vernommen hat, wie man Gawans Namen klagend ruft, gibt er sich zu erkennen. Die Kinder Gottes sind zu allen Dingen geschickt, können desshalb auch die grössten Helden auf der Walstatt sein, ohne jedoch dafür gelten zu wollen.

Er besiegt sogar seinen Antagonisten doppelt, durch ein Werk der Freundschaft, indem er für ihn, ohne dessen Vorwissen und Willen, einen Zweikampf übernimmt, nachdem er wiederum in die Tafelrunde aufgenommen ist. Inzwischen erfolgt eine allgemeine Versöhnung mit vierfacher Vermählung. Doch aus dem fröhlichen Kreise stiehlt sich Parzival, von Sehnsucht nach seiner längst verlassenen Gemahlin Condwiramur verzehrt, in der Frühe des Tages weg.

Man hat in dieser zwiefachen Sehnsucht Parzivals, nach dem Gral und nach seiner Gattin, einen Widerspruch zu finden geglaubt..

Allein es ist bedeutsam, dass gerade jetzt die Widersprüche seines Wesens je mehr und mehr sich lösen. Nicht nur durch den Anblick fröhlicher Vermählungsfeier wäre an sich der natürliche Gedanke an Weib und Kind, gesteigert sogar zum schmerzlichsten Heimweh, von selbst gerechtfertigt, sondern diese Erscheinung hat einen tieferen Grund. Er hat ja den Frieden gefunden, den Gralssegen der Sündenvergebung und Versöhnung trägt er in sich. Daher kann er jetzt nicht blos und darf nach seiner Ehegemahlin sehn- süchtiges Verlangen hegen, sie mit der Gluth einer ersten Liebe begehren, um so mehr, als er sich aus reiner Abenteuerlust einst von ihr getrennt, sondern er erkennt es als seine Pflicht und zwar als eine der nächstliegenden, die Verlassene, die treue Trauernde mit ihren herzigen Kindern aufzusuchen und ihr qas zu werden, was er ihr einst geschworen, aber nur zum kleinsten Theile gehalten hatte. Die vollendete Abso- lution wird ihm sogar erst dann von Gott zugesprochen, als er gezeigt hat, dass es ihm mit der Ethik

²) Man vergl.Leben und Dichten Walthers von der Vogelweide von Karl Lucà, Halle 1867, pag. 25. Gerade der Name Clinschor, neben dem fabelhaften H. v. Ofterdingen, ist ein Argument gegen die Thatsache eines Sängerkriegs auf der Wartburg.Würden wirs nicht für ein albernes Bild... halten, wenn uns Göthe und Mephistopheles als poetische Wettkämpfer dargestellt würden? So Wolfram und Clinschor. Vergl. Kober- stein, über das wahrscheinliche Alter und die Bedeutung des Gedichts vom Wartburger Kriege. Naumburg 1823.