Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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darin eine deutsche Natur, ist er aufs tiefste erschüttert, hofft jedoch immer noch auf Restitution, wenn er den Gral gefunden. Er beginnt misstrauisch zu werden in die Unfehlbarkeit der Gurnemanz'schen Lehre überfrevelliche vrage und Streit gegenunfuoge.S0 mac sin raâten niht sin ganz.(330.)

Die Quelle seines Ungemachs erblickt er demgemäss in seinem allzu skrupulösen Gehorsam gegen menschliche Lehre. Im Vertrauen auf Gottes Hülfe bei Befolgung der Rathschläge eines erprobten Alten, hatte er das höchste Glück eingebüsst: also musste er und hier stiess er an die gefährlichste Klippe wie denn dieser Gedanke gerade dem vollendeten Ritter oft aufsteigt, seinem allzu geringen gelbstvers trauen die Schuld beimessen. Daher seine Geistesverwirrung, in welcher er, als Gawan ebenfalls beschimpft, sogar der Ermordung eines Königs angeklagt, die Vorwürfe ruhig hingenommen und zur Sühne sich bereit erklärt hatte und noch seinem scheidenden Genossen Parzival guten Ausgang mit Gottes Hülfe gewünscht, bereits die Frage des Zweifels aufwirft:

Wehe, was ist Gott? ¹) Wär' er gewaltig, solchen Spott Hätt' er uns beiden nicht gegeben, Könnte Gott mit Kräften leben,

bis zu dem Trotze sich vermessend:

Ich war ihm dienend unterthan, so lang ich der Gnaden mich versah. Nun will ich ihm den Dienst aufsagen, und hat er Hass, den will ich tragen.

In dieser verzweifelten Stimmung verweist ihn Gawan auf die Dinge, denen er vertrauen solle, namentlich die Frauenliebe. Parzival indess beginnt von neuem nach dem Gral zu suchen, diesmal ohne Gott und menschlichen Rath, welchen er wähnt bis jetzt zu viel gefolgt zu haben, ein Irrweg, auf welchem ihn Gott noch weiter führt, um ihn einmal gänzlich an sich verzweifeln zu lassen und so erst zu retten.

So kommen wir an die Schwelle des Labyrinths, welches sich in einer Episode aus Gawans Helden- thaten und anderen Abenteuern verliert, nemlich zum Anfang des 7. Buchs ²). Wolfram fühlt es nur zu gut, dass eigentlich der Held der Dichtung, der Waleis Parzival, wäre zu behandeln gewesen; dieser taucht nemlich nur an zwei Stellen auf, bei der Belagerung einer Stadt als rother Ritter und bei einer anderen Gelegenheit als Sieger, wobei er die Besiegten zwingt, ihm den Gral suchen zu helfen. Anstatt den Seelen- zustand seines Helden zu schildern, übergeht er ihn mit einem bedeutsamen Schweigen, bis er den Wider- stand seines Geistes gegen die Gotteserkenntniss gebrochen glaubt. Es galt also den Umstand zu moti- viren, dass er Gawan nunmehr in den Vordergrund stellt, und leicht gelingt es ihm dadurch, dass er sich in Gegensatz stellt zu 1) denjenigen Dichtern, welche ihren Helden überall loben; 2) zu denjenigen, welche wirklich Lobenswerthes an ihm häufig rühmen; 3) zu denen gar, welche lügen durch das Lob dessen, was ihnen doch als tadelnswerth erscheint; und 4) denjenigen, die dem Tadelnswerthen bona fide, ohne Ueber- legung beipflichten, und den Folgen solcher Behandlungsweise, dem Misstrauen, Vorwurf und Spotte der Leser zu entgehen sucht.

Dass Parzival erst wieder im 9. Buche auftritt, wie er zu Trevrizent geschickt wird, der ihm seinen Glauben zurückgeben soll(V. 741) ³), ist eben dadurch begründet, dass der Dichter, obwohl er fühlt, dass er von Parzival handeln sollte, den Unglücklichen nicht vorführen will, weil er weiss, dass der zweifelnde Mensch zu unstät und schwankend ist, als dass er seinen Handlungen einen einheitlichen Charakter aufprägen und des Gesanges würdige Thaten vollbringen könnte wie Gawan c. 338,der nie gewarp nâch schanden.

¹) Diese Pilatusfrage nach Wahrheit bildet einen ergreifenden Gegensatz zu der FrageWas ist Gott 24, die einst der Knabe Parzival, nach Wahrheit suchend, an seine Mutter gerichtet.(3. Buch.) ²) Man vergl. hierzu besonders die treffliche Abhandlung des Prof. Lucä. ³)Der Getaufte wohl getraute Gott, Als er von Trevrizent schied, der ihm so herzenlichen rieth, Er sollte helfen an den(be)gehren, der in Sorge Freude könnte wehren.