Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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Vom Thorhüter der Burg selbst folgt ihm der Spott nach. Alsdann erfährt er beim Auszug durch Sigune ¹), die ihren einbalsamirten geliebten Schionatulander in ihren Armen hielt, wo er gewesen. Voh diesem edelen Weibe, seiner Halbschwester, gescholten, empfindet er die erste Reue; er weiss, wie unglück- lich er geworden, ohne jedoch bereits die tiefere Bedeutung des Grals erkannt zu haben. Letztere erschliesst sich ihm vielmehr erst im Gespräch mit Trevrizent(9. Buch) über die wunderbare Schale mit der Hostie and den Cultus der Gralshüter. So hatte er den Verlust eines grossen menschlichen Glückes und irdischen Gutes zu beklagen, aber ohne den geistigen Werth und Gehalt desselben zu ahnen.

Damals glaubte Parzival noch an Gott, bei dessen Namen er die Unschuld der Gattin des Orilus dem eifersüchtigen Gemahle gegenüber eidlich bekräftigt. Aber er hat mehr Lust zu weltlichen Spielen und Ehren, als zu göttlichen Dingen. Daher wird er, trotz aller Sehnsucht nach dem unerkannten Leitsterne seines Lebens, dem Gral, zur sinnlichen Seite des Lebens herabgezogen, durch die Blutstropfen im Schnee an die Liebe zu seinem Weibe gemahnt; eine Macht sehnsüchtiger Erinnerung, welche ihm im Farbenspiel der Natur den Leib seiner Gemahlin mit allen Reizen vorzaubert, nach vielen Jahren schmerzlicher, für einen Ritter nicht ungewohnter Trennung. Gegen den Vorwurf der Abgeschmacktheit, welchen bei dieser Stelle von neuem Kurz gegen den Dichter erhebt, ist eine Rechtfertigung bei Gervinus, Simrock und Vilmar zu finden in den Anklängen der deutschen Märchenwelt an diese tiefsinnige Erzählung von den Blutstropfen.

Aus seinen Träumereien wird, nach vergeblichen Versuchen von anderen Seiten, endlich durch Gawan, den dritten der Artusritter(von der Tafelrunde), welcher als Beobachter den Grund des Nachsinnens ſin der Minne erkannt hat, unser Held herausgerissen an den Hof des Königs, und zwar in den auserwählten Kreis der Tafelrunde eingeführt und so der höchsten weltlichen Ehre theilhaftig. Doch in diesem Leben des Glanzes, mit einem höchstens ceremoniellen Cultus, zu verbleiben, war der Sohn Herzeloydens ²), der Inkelin Titurels, nicht bestimmt. Es wäre sonst alle psychologische Entwicklung auf einem solchen Höhe- punkte des Erdenglückes abgeschnitten gewesen. Zur Erlangung der für ihn prädestinirten und ihm fort- während zugedachten geistlichen Würde bedurfte es vielmehr anderer Vorbereitungen, als der Ritterübungen der Tafelrunde; es bedurfte der nachhaltigen Ueberwindung des inzwischen in ihm überhand nehmenden Zweifels nebst der ihm eigenenUnstäte der Gesinnung, wie denn Wolfram gerade hierin des Lebens Uebel erkennt. So sagt er schon in seinem Eingang(I. Buch V. 1 ff.):

Ist zwivel herzen nähgebüur ³) daz muoz der seêle werden sur.

Schon Herzeloyde hatte ihr Kind auf die Treue, das Trauen hingelenkt. Nunmehr bedurfte es einer energischeren Mahnung seitens Gottes zur Aufsuchung des Grals mit seinen Glaubensschätzen, als eine solche bereits früher in Sigunens Worten an Parzival ergangen war. Die Fluchbotin muss ihn denjungen König reich, Ohne Flügel Engeln gleich(308), der sich eben mit Ginower wegen Ithers Ermordung feierlich ausgesöhnt hat, im Angesicht der Genossen seiner Ehre, und zwar in dem in die Nähe der Gralsburg ver- legten Lager des Artus, welcher den rothen Ritter suchend, in der Umgebung der Gralsburg den Kampf untersagt hatte, der Art beschimpfen), dass er freiwillig den weltlichen Ehren entsagt, deren er doch würdiger geblieben war, als die Anderen. Gebrochen in seinem Ehrgefühl, welches bei aller Religiosität eine gewisse kranke Seite der Reizbarkeit in Beziehung auf unverdient erlittenen Schimpf verräth), auch

¹) Das herrlichste Bild treuer Gattenliebe in unserer Litteratur. ²) Simrock schreibtHerzeleide. Vergl. Einleit., pag. 523. ³) Nach Simrock:Wo Zweifel nah dem Herzen wohnt, Das wird der Seele schlimm gelohnt. 4)Ehrloser Mann, Herr Parzival!(316.) ³) Aehnlich dem tragischen Pathos Tellheims in Lessings Minna v. Barnh.