Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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6.

Thatendrang. Vielmehr ist es eine tiefe Sehnsucht nach dem Heil, welche in einem deutschen Knaben er- wacht und ihn das ganze Leben hindurch begleitet, bis sie im Besitze des Gralkönigthums gestillt wird, ein geistiger Process, in zwei Abschnitte sich zerlegend, die nur Kritiker für zwei selbstständige, einander aufhebende Versuche, das Problem zu lösen, ausgeben können ¹). Versuchen wir im Folgenden der Grund- idee der Dichtung gerechter zu werden, ohne dass wir den Anspruch erheben, alle Räthsel der dunkeln Märe gelöst, jede Allegorie verstanden zu haben; denn eine Allegorie der christlichen Erlösung ist Parzival im Ganzen, wie im Einzelnen.

Parzival, Sohn des Gamuret und der Herzeloyde, welche vierzehn Tage vor ihres Kindes Geburt ihren unsteten, kühnen Gemahl verloren und alsdann nach Soltane sich zurückgezogen hatte, in Waldeinsamkeit aufgewachsen mit den Vögeln, diese Gespielen seiner Jugend jagend und doch von Mitleid mit ihrem Loose zuweilen bewegt, ja von Schmerz erfüllt, wenn er einen der Genossen erlegt; in diesem sonst harmlosen jugendlichen Treiben zugleich den ersten Ahnungen von Gott nachsinnend, wird wie durch ein Wunder von der Herrlichkeit des weltlichen Ritterthums aus den Armen seiner abmahnenden und warnenden Mutter gerissen und zwar an Artus' Hof. Sein Abschied bringt ihr den Tod. Die ersten Mahnungen und die letzten Worte der besorgten Mutterliebe, die ihn mit Narrenkleidern versah, um ihn für das Weltleben unbrauchbar zu machen und so wieder für sich und das Leben in Gott zu gewinnen, ängstlich treulich und arglos bis zur Thorheit erfüllend, wenn er z. B. der Vorschriften über Minne eingedenk, Orilus' Gattin mit einem Kusse Ring und Spange abstreift, oder wenn er den herausfordernden Ither, der ihm seinen rothen Harnisch ver- weigert hatte, im Zweikampf tödtet und dessen Waffen an sich reisst, ohne im mindesten sich eines Un- rechts bewusst zu sein: wird er, roh wie er ist, aber von gediegenem Gehalt und gesundem Kern, zu Gurnemanz geleitet, um von diesem höfischen Unterricht zu erhalten, und zwar in den Prinzipien der Re- gierung, den Regeln des geselligen Verkehrs(besonders der Fragestellung) und im Waffengebrauch ²).

Mit den binnen vierzehn Tagen erlangten Fertigkeiten und Künsten sucht er Ruhm an Artus' Hofe. Die Gebote ritterlicher Ehre hat er zwar soweit begriffen, dass er, als untadeliger begehrter Held, eine edele Gemahlin in der durch ihn befreiten Condwiramur ³) erkämpft, aber als er im Begriff, seine verlassene, inzwischen von Gram getödtete Mutter wieder aufzusuchen, von ohngefähr in die Gralsburg geführt wird (§. die bekannte Scene im 5. Buch, die einen Wendepunkt in Parzivals geistiger Dntwicklung bedeutet), und ihm die verhängnissvolle, und doch so einfache, natürliche Frage nach des Königs Anfortas Leiden wiederholt in den Mund gelegt ist, benimmt er sich zum Erbarmen einfältig und albern. Nahe zwar war er daran gewesen, der Selbstständigkeit seines Urtheils über die Zulässigkeit einer solchen Frage und zu- gleich dem Drange seiner Neugierde Folge zu geben c. 239 4).

Er wusste nicht einmal, ob es hier recht sei, Gurnemanz zu folgen, um so weniger, als dieser keineswegs absolutes Schweigen, sondern nur Vorsicht im Fragen ihm zur Pficht gemacht hatte, und so hoffte er denn, von selbst werde sich ihm unter Schweigen der Schlüssel zum Verständniss der Gralwunder bieten. Aber da er selbst die Unterlassung der Schicksalsfrage wiederholt verschuldet hat, bei der Betrach- tung der Herrlichkeiten in der Gralsburg, in deren König er doch den räthselhaftenVischäre(Fischer) wiedererkannt hatte, sodann bei dessen Erzählung von seiner unheilbaren Wunde und endlich bei Ueber- reichung des werthvollen Schwertes, so bricht er später in häufige Selbstanklagen aus, deren Pein besonders gesteigert werden musste durch den Stachel der Spottreden und Vorwürfe von scheinbar unberufener Seite.

¹) Siehe Kurz Literaturgesch. Bd. I, pag. 364 ff.

¹) Vergl. Carolus Lucae de Parcivalis poematis Wolframi Eschenbacensis aliquot locis, Halis Saxonum 1859. Das Einzelne aus des Helden Jugend muss ich hier als bekannt voraussetzen. Ueberhaupt berühre ich das Ge- schichtliche nur soweit, als es mir für die geistige Entwicklung Parzivals geboten erscheint.

³) Ueber die Namen Gamuret, Condwiramur u. a. siehe Simrock Einleit., pag. 521 523.

)Nam cum non concederet sibi rogare, fieri non potuit quin cupiverit rogare. Lucae.