Aufsatz 
Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung / von Bernhard Spiess
Entstehung
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schmacke der Zeit: alles Vorzüge, die uns den unbefriedigenden Abschluss der Handlung, sowie den Mangel an künstlerischer Erfassung eines Mittelpunktes der Erzählung, eines epischen Culminationspunktes, bei seiner, dem Zeitgeschmacke huldigenden biographischen Behandlung des Stoffes, leicht aufzuwiegen scheinen. Aber ein wesentlicher Mangel dieses Gedichts, im Gegensatz zu den besseren Dichtungen Hartmanns ¹) und Wolframs Parzival, wird durch allen Glanz der Darstellung nicht gedeckt, das ist die Frivolität, wie sie mit der un- glücklichen Wahl des Stoffes fast von selbst gegeben war ²).

Ein Meister in der Psychologie des Ehebruchs, weiss der Dichter zwar mit ergreifender Wahrheit des Gefühls die Seelenleiden der Liebenden dem Leser zur Anschauung zu bringen; aber, da er das Ver- brecherische der Liebe durch die Vermittelung eines zauberischen Liebestrankes gemildert zu haben wähnt versucht er es nicht einmal, in einer Katastrophe eine Sühne) zu finden, die mit Wärme entworfenen Serlen gemälde mit einem tragischen Untergang der Schuldigen abzuschliessen, vielmehr bietet er seinem Helden als Ersatz für die Verlassene eine zweite Isolt. Und wie er der sittlichen Lebensordnung seine Anerkennung versagt, so flieht er im Einzelnen 8o wenig das Obscöne, dass er es vielmehr theils in die verführerischeste Form kleidet, theils sogar in keckster Nudität hinstellt. Wir können an einem solchen Dichter den ver- wilderten Zeitgeschmack einigermassen zu entschuldigen suchen, niemals aber seinem Werke die poetische Weihe der Unsterblichkeit zusprechen, die er selbst seinem Rivalen Wolfram leichtweg glaubte absprechen und für sich gesichert ansehen zu können.

Doch ich höre den Vorwurf:Du beurtheilst die Kunst nach den Lehrsätzen der Moral! Gewiss ist der Kunst als solcher eine Tendenz auf das Moralische so fremd, als eine solche aufs Nützliche. Sie offenbart das Schöne um seiner selbst willen, in gegenseitiger Durchdringung der Idee und der Form, d. h. so, dass einerseits die Idee in der Form lebt, an sie gebunden ist, andererseits die Form die ver- körperte, durchsichtige Idee ist. Thre Stoffe gestaltet sie nach der Idee, wie sie andererseits durch die einmal geschaffene(gewählte) Grundform in der Durchführung der Idee nach immanenten Gesetzen gebunden ist, ihren Stil hat.

Lebt somit die Kunst ihrem Wesen nach im Reiche der Idee, die der Wirklichkeit des Lebens als Ideal sich ankündigen muss, so kann sie dem Hässlichen und Gemeinen nicht die Pormen der Idealität ver- leihen, d. h. sie kann das, was nicht wahr und gut, nicht mit sich selbst und der Natur übereinstimmend ist, an der Wahrheit ihrer Idee partizipiren lassen, nur sofern es als Contrast der Wahrheit, nicht als Form der Idee erscheint. In jenem Sinne darf die Grausamkeit die Form der Gerechtigkeit annehmen, muss sich jedoch selbst richten, innerlich negiren in der Wahrnehmung des Kunstwerkes. Sogar kann sie als Nemesis den Charakter des Erhabenen annehmen, wenn sie anders der Idee des Rechts als Mittel dient und ihren Gegensatz in der Darstellung wirklicher Gerechtigkeit findet.

Man kann sogar zugeben, dass in der Kunst das Niedrige und Gemeine zur Darstellung gelangen dürfe, dies jedoch nur als Folie der Gestaltung der reinen, sittlichen Idee(Kaulbachs Nero). Vor allen Künsten vollends hat die Poesie, nach Lessings Laokoon, als mit den Formen ihrer Darstellung in der Zeit verlaufend, die grösste Freiheit in der Behandlung des Hässlichen, sogar des sittlich Häss- lichen, jedoch mit der Einschränkung, dass sie Letzteres nur als Moment der Entwicklung handhabe, den Contrast gegen die sittliche Wahrheit in seiner Nichtigkeit darthue und damit den Sieg jener herbei- führe.Sie singen von allem Süssen, was Menschenbrust durchbebt, Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt, mit diesen Worten hat Uhland einen Kanon für die Poesie, nicht minder aber für

¹) Besonders Iwein mit dem Wahlspruch: swer an rehte güete! wendet sin gemüete, dem volget saelde unde ére. ²) Parallele: Wieland und Klopstock. ³) Wie in Göthes Werther, Wahlverwandtschaften.