Die christlichen Ideen der Parzivaldichtung.
Von Gymnasiallehrer Dr. Bernhard Spiess.
So wenig ich es für meine Aufgabe erachte, alles Bekannte über die Gralsage zu wiederholen, wird es nöthig sein, den Unterschied der beiden Arten des deutschen Epos, des objektiven Volksepos und des subjektiven Kunstepos, zweier sehr weit auseinander gehenden Dichtungsarten, ausführlich zu erörten. Indess muss ich zur Würdigung des Parzival Einiges über die Form der Dichtung vorausschicken.
Während wir im Volksepos, besonders im Nibelungenliede, lebendige Individualisirung des Stoffs und naturwahre Plastik, wie sie nur noch die Antike ausgebildet, bewundern, so begegnet uns im Kunst- epos eine chaotische Häufung zweckloser, in phantastischem Minnedienst übernommenen Abenteuer und Ritterturniere, deren Helden oft einander so ähnlich sehen, dass nur die Namen eipen Anhaltspunkt zur Unterscheidung bieten. Diese klingen zudem so fremdartig, dass wir sofort in ihnen die unsympathischen Stoffe bretonischer und romanischer Rittersagen erkennen, wogegen die Materie des Volksepos in Fleisch und Blut der Deutschen übergegangen ist. Tritt naturgemäss im Volksheldengedicht der Dichter so sehr hinter den gewaltigen Inhalt zurück, dass man ihn nicht einmal mehr kennt, sogar aus Hyperkritik an seiner Existenz gezweifelt hat, so macht er sich im Kunstepos oft in unangenehmer Aufdringlichkeit geltend und verschmäht, von der Subjektivität geleitet, zum Theil in der Darstellungsweise die Gesetze des einfach Schönen, sogar die Einheit des Stils, welche letztere gerade dem Volksgedichte sein unverkennbares Gepräge bis ins Einzelne aufdrückt.
Am besten wird bei einer Beurtheilung der Darstellungsform, ausser Hartmanns v. d. Aue Iwein, dem regelmässigsten wenigstens unter allen mittelhochdeutschen Gedichten, wegkommen: die durchsichtige, einfach natürliche, dabei in wunderbar melodischer Sprache dahin fliessende Erzählungsweise Gottfrieds von Strassburg in Tristan und Isolt.
Im bewussten Gegensatz zum Erfinder der finsteren Märe, Wolfram von Eschenbach, welche überall des Commentars bedürfe, strebt er durchweg Klarheit des Ausdrucks an, verzichtet auf eine unnütze Aus- malung der Bůͤhurde, Tjoste, Trachten, Speisen und gar des Widerlichen, wie es Wolframs Parzival in Beschreibung der Wunden(Leiden des Anfortas) u. a. liefert. Anstatt triviale Gleichnisse anzuziehen, würzt er seine Rede mit natürlichen Bildern, beschränkt die sich so leicht hervordrängende Subjektivität des Poöten, indem er sie einzukleiden weiss in Reflexionen allgemeiner Natur, wie sie jedem Augenzeugen der Handlung als vorbereitende wie abschliessende Betrachtung von selbst aufsteigen und jene begleiten; mitunter freilich sinkt diese seine Subjektivität zu schalkhaft lüsterner Begehrlichkeit herab. Dabei versteht es Gottfried, die Charaktere trefflich zu zeichnen, die Leidenschaft von ihren ersten Anfängen bis zum Hervorbrechen, be- sonders das Entstehen der Liebe, naturwahr zu schildern, jede Art geistiger Vorzüge ins rechte Licht zu stellen, namentlich den Adel harmonischer Geistesbildung ¹) zu verherrlichen, gegenüber dem rohen Ge-
¹) Und zwar letztere in ihrer Vertiefung als wissenschaftlich-künstlerische gefasst.


