Aufsatz 
Die Prädestinationslehre des Koran / Spiess
Entstehung
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B. Medinische Suren. Welche gewaltige Veründerung in Muhammed' Leben mit der Flucht vor sich ging, erfahren wir aus den verschiedenen vitac. Es ist der Augenblick des Hervortretens an das Licht der Geschichte, in welchem wir ihn begleiten. Es ist im Voraus klar, dass keiner der vielen, ganz Arabien in Bewegung setzenden Kämpfe unberücksichtigt im Kordân blieb, ein glücklicher Umstand, welchem wir von da an eine sichere Chronologie verdanken; dass aber auch andererseits diese Zeit der prak- tischen Forderungen von den verschiedensten Seiten her weniger abstrakte Theorien über Gottes Wesen und Rathschluss bringen durfte, als Vorschriften für Cultus und Leben. Jene treten freilich nicht zurück, namentlich in den grösseren Suren(S. 2), woselbst sie zur Ausfüllung des Raumes eine vortheilhafte Verwendung finden. Da, als sich der Islam aus der Welt der Phantasie in das Gebiet selbstbewussten Handelns verlegte, als der schwärmerische Religionsstifter durch die Gewalt der Verhültnisse ebenso zum gewandten Diplomaten, wie zum muthigen Kampfesführer wurde, als die Stammeseifersüchteleien und Familienzwiste die Dimensionen einer Bewegung von Nationalitäten annahmen, als der ursprüngliche Kampf gegen ein niederes Heidenthum sich erweiterte zu einem Frontmachen wider alle übrigen Religionen der Erde, die sich nicht ohne weiteres absorbiren liessen und allmählig immer mehr dem Islam die Einsicht beibrachten in ihre, keine Vermischung duldende Eigenartigkeit, da also der anfangs wohlgemeinte naive Religionensynkretismus Muhammed's die dem Spotte preisgegebene Unbestimmtheit und Wandelbarkeit mit einer durch Ceremonien ausgeprägten, auf das einfache Dogma des Monotheismus und der Pro- phetie Muhammed's gegründeten und die Waffen vorantragenden Gemeinschaft von Gläu- bigen vertauschen musste, in einer solchen Zeit der Gegensätze und Kümpfe wird man wenig für Predigt und Dogmenbildung erwarten dürfen. Die Theologie wird kärglich sein. Eine dritte Eigenthümlichkeit der medinischen Offenbarungsepoche ist die, dass weit ent- fernt von einer Schöpfung grosser Gedanken und Aussprüche inmitten der grossen Erleb- nisse, die Entwicklung der Sprache sistirt ist, die Sprachform, in Uebereinstimmung mit dem Inhalt, unschöner wird, d. h. die Poesie ist nun vollends in Prosa übergegangen, zu- gleich ein Vortheil, weil die Gedanken nüchterner und verständlicher ausgedrückt sind. Der prophetische Genius, welcher den Monotheismus, freilich mit theils deistischen, theils theistischen Momenten in unklarer Verbindung, doch in unerbittlichster Strenge aller Welt proklamirt hat, gegenüber falschem Trinitarismus(nur diesen, nicht den wahren Trini- tätsglauben hab' ich im Sinn) und Anthropomorphismus(besonders der göttlichen Zeugung) so gut, als plumpem Polytheismus und krassem Fetischismus entgegen, hat sich früh er- schöpft. Gerade die Würdigung seiner Verdienste berechtigt uns zur schärfsten Kritik der späteren Suren, die zum Theil listige Elaborate und Tendenzaufsätze geworden sind. Dazu berechtigt uns doppelt das kanonische Anschen dieser Suren, die, als vor- zugsweise normativ, desshalb auch ziemlich in den Anfang der Sammlung zu stehen ge- kommen sind. Letzteres wurde freilich im Allgemeinen nach üäusserlichen Rücksichten vollzogen, ein Analogon zu der Reihenfolge der paulinischen Briefe in unserem Kanon. Die lüngsten Suren nemlich stehen im Anfang, und die medinischen sind meist die längsten. S. 1 ist gleichsam die Aufschrift des Korän.

Die zweite ist die längste aller Suren. Sie enthält viele prüdestinatianische Aus- sagen, bei denen zum Theil allerdings unentschieden bleibt, ob sie infra- oder suprala-

psarisch zu verstehen sind, daneben auch Aussagen, welche sich mit der Prädestination 2