Aufsatz 
Die Prädestinationslehre des Koran / Spiess
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Allah ersetzen musste, so war der Islam genöthigt, alle christlichen Gnadenelemente aus- zuscheiden, um ganz zu werden, was er sein sollte, eine Religion des Schwertes.

Es bedurf wohl kaum der einleitenden Notiz, dass alle Religionsbegriffe im Islam einen anderen Inhalt und Umfang haben, als im Christenthum, dass also unter der Prä- destination nicht die Erwählung in Christo zu verstehen ist, sondern die doppelte Vorher- bestimmung der Menschheit zu Heil wie Fluch, und zwar durch die Vermittlung des Propheten, der, wenn er auch keinen Versöhnungstod starb, dennoch als Abschluss aller Gottesoffenbarung gilt und vom munus sacerdotale wenigstens soviel sich vindicirt, dass er sich öfter für einen Intercessor am jüngsten Tage ausgibt. Der deistische Determi- nismus des Korân hat sich, anfangs klein und schwach, aufgerafft, wurde von Muhammed in die Schlacht geführt, siegte bei Bedr, nahm Mekka ein, bis er sich zum Schwerte zuge- spitzt. Die Scheide ist schartig geworden, der Arm lahm. Noch grollt der Fanatismus, aber fatalistisch-trostlos wird er sterben, weil der Determinismus seines Offenbarungs- buches keine Sündenvergebung hat, wie die christliche Lehre von der Gnadenwahl.

I. Historisch-kritische Entwicklung der korânischen Prädestinationslehre.

A. Es ist das Verdienst besonders Weil's, die einzelnen Suren des Kordân classi- fizirt zu haben. Nicht als hätte er den Streit über den mekkanischen oder medinischen Ursprung aller Suren abgeschlossen. Bei sehr vielen Suren lässt sich durch die Einstim- migkeit der Ueberlieferung, sowie durch charakteristische Eigenthümlichkeit die Frage nach dem Ursprung leicht entscheiden, namentlich bei den medinischen, die viele historische Anknüpfungspunkte für eine wenigstens annähernd sichere Chronologie bieten. Das Ver- dienst Weil's erstreckt sich also darauf, die Masse der mekkanischen Suren gelichtet zu haben. Er theilt dieselben gewiss sachgemäss in drei Classen ein: die der frühesten, man könnte sagen Inauguraloffenbarungen, reich an kräftiger Eschatologie, von gedrängter Diktion, ohne Polemik gegen die Christen; die der Flucht zunächst vorangehenden, sich selten noch über die Prosa erhebend, reich schon an Spiel und Rhetorik, matter Logik, mit mannichfaltiger Auffrischung des Ursprünglichen; dazwischen die Classe der Ueber- gangssuren ohne bestimmten Charakter(Einleitung pag. 57 ff.), jedoch mit vielen An- klängen an die erste Periode, dagegen ausgebildeterer Lehre von Mohammed' Person. Nöldeke hat wohl daran gethan, diese Weil'sche, von der Muir'schen abweichende, Ein- theilung zu adoptiren. In der Anordnung einzelner Suren weicht er von Weil freilich ab, urtheilt aber mitunter nüchterner und ist vorsichtiger in der Aufstellung von Hypo- thesen, befolgt daher, wo kein Grund vorhanden davon abzugehen, die Tradition der Exe- gese. Wird es doch die Kritik mit allem Scharfsinn nie dahin bringen, die einzelnen Verse des Korn nach Zeit und Zusammenhang zu ordnen oder nachzuweisen. Daher können wir getrost der sich so sehr empfehlenden Methode Nöldeke's bei unserer Specialunter- suchung folgen. 1

1) In der Periode, da Muhammed dem Polytheismus den Fehdehandschuh hinge- worfen, muste seine Stellung im Vergleich zu diesem Wagniss noch eine sehr unsicher e, seine Wirksamkeit eine sehr schwache, durch die Solidarität einer dem Väterglauben treu