Aufsatz 
Die Prädestinationslehre des Koran / Spiess
Entstehung
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sind die Momente des Korân'schen Prädestinationsbegriffs? Dass es hier keineswegs mit dem Citiren einiger Kordânverse gethan ist, womit sich viele Orientalisten begnügt haben bei der Beantwortung unserer Frage, erhellt von selbst. Finden sich doch, wie die neue- ren Forschungen durch viele Beispiele erhärtet haben, im Koräân ausser Anachronismen, incorrecten Angaben viele Widersprüche in Lehrsätzen und sogar Lebensvorschriften, eine unbequeme Erscheinung, deren Antinomien die moslemische Dogmatik mit der Lehre von denAufhebungen zu bescitigen suchte. Hiernach konnte nemlich Muhammed durch Gabriel von Gott zur Zurücknahme eines geoffenbarten Verses und Ersetzung durch einen neuen ermächtigt werden. So oft daher die Ausführung einer Vorschrift auf Schwierig- keiten stiess, oder politische Rücksichtsnahmen geboten erschienen, oder ein Vers den Spott der in dem, von Muhammed selbst anerkannten Gottesworte bewanderteren Juden provocirte, musste dieser bequeme Mechanismus in Bewegung gesetzt werden und alle Bedenken mit der Zeit beschwichtigen. Allein dem Forscher ist ebenso die grösste Behut- samkeit im Urtheil zur Pflicht gemacht, um so mehr, als ein solches Verfahren die Po- lemik herausfordert..

Wie ich mich noch eines Folianten der Erlanger Bibliothek erinnere, welcher jeden Vers des Korân zur Polemik benutzte, so finde ich noch bei Wahl in seiner Ueber- setzung des Korân eine Gereiztheit, die nur von einem Pseudopropheten und Betrüger etwas wissen will, aber auch ebendesshalb ausser Stand ist, die wirklichen Schönheiten des in der schönen arabischen Sprache geschriebenen Religionsbuches zu würdigen und den Stellen Rechnung zu tragen, die eine Limitation, ja Aufhebung der Prädestinations- lehre enthalten. Aehnlich leugnet Schmölders geradezu, dass die Freiheit des Willens im Lehrbegriff des Korân eine Stelle finde. Unsicher stehen indess beide der Frage gegenüber, woher denn der Koran die Lehre von der Prädestination geschöpft habe. Dass cr sie vom Judenthum herübergenommen, ist kaum gesagt worden, kann auch kaum be- hauptet werden. Nicht als ob das Judenthum keine prädestinatianischen Elemente enthielte; ich erinnere blos an die Röm, 9, 21 f. benutzte Stelle aus Jerem., wo freilich, ebenso wie Röm. 11, 26, die allgemeine Beseligung, Ausgiessung d. hl. Geistes u. dgl. als das Endziel verkündet wird. Und doch würde ich ausser Stand sein, die Ansicht abzuweisen, dass Muhammed aus dem Judenthum prädestinatianische Aussprüche entlehnt habe, wenn ich mich nicht auf die gründlichen Untersuchungen Geiger's(Absch. II, Cap. I, 2. Stück P. 63 ff. 84) beziehen kännte, der keine prädestinatianischen Anklänge entdeckt, son- dern nur Stellen vorführt als entlehnt, in welchen das Gericht zur Folie einer Theodicee, nicht zur Beleuchtung eines decretum aeternum dient.

So hat man denn die Korân'sche Prädestinationslehre aus dem Christenthum zum Theile hergeleitet und diese Ansicht könnte an der von Sprenger's Leben etc. Muh. II. Bd. Cap. 8 erhärteten Thatsache eines solchen christlichen Einflusses, besonders der Einführung des Rahmänbegriffs eine Stütze haben, weil eben die Prädestinationslehre mit dem Begriff der göttlichen Gnade steht und fällt, zum Theil aber auch als Ver- zerrung der christlichen Lehre behandelt. So Schmölders, vgl. Weil's Einl. etc. S. 101.

2) Ich wende mich nun zu den Urtheilen neuerer Autoritäten unter den Orienta- listen. Wir begegnen zunächst der, der obigen entgegengesetzten Behauptung, dass die Prädestinatianischen Stellen des Korân etwas accidentelles seien, dagegen die Grundan- schauung Muhammed's Pelagianismus, wenigstens Synergismus. Ich nenne, da mir