Aufsatz 
Die Prädestinationslehre des Koran / Spiess
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Prädestinationslehre des Koran.

Einleitung.

Wenn die Frage nach der Bedeutung des Islam überhaupt in der früheren Zeit von einem engherzigen christlich-polemischen Standpunkte aus beantwortet wurde, welcher nicht vermochte, den Lehrinhalt des KorÄân zu würdigen und in seinen geschichtlichen Be- dingungen zu ergründen, so werden wir nicht überrascht sein, wenn wir auch rücksicht- lich der Prädestinationslehre wegwerfenden Beurtheilungen und allgemein herrschenden Vorurtheilen im Abendlande begegnen. Von der Zeit an, da die Jesuiten den Korân über- setzten, bis in die Gegenwart, hat man sich mit Leichtigkeit über manche Fragen hinweg- gesetzt, hat z. B. das Wesen des Islam mit einer passiven Ergebung in den ewigen Rath- schluss Gottes zu erschöpfen gemeint, hat die jetzigen Lehren der Moslemen geradezu dem Propheten zugeschrieben; hat sich bei den Aussprüchen derselben beruhigt, wührend doch leicht ersichtlich, wie sie oft ihre einander diametral gegenüberstehenden Ansichten im Buche der Offenbarung nachzuweisen, resp. als die normale Fortentwicklung des Geoffen- barten und als dessen Erklärung zu rechtfertigen suchten. Ein Unternehmen, das ihnen um so leichter gelungen ist, als durch den Korân verschiedene heterogene Gedankenreihen sich hindurchziehen, auf deren völlige Vereinigung der Besonnene verzichten wird, be- sonders, wenn er gefunden, dass die neue Offenbarung wenig Originelles gebracht hat, viel- mehr Compilat der bekannten geoffenbarten Religionslchren ist. Die ältere Beantwor- wortung der Frage, welches die Lehren des Korân über die Prädestination seien, leidet an den beiden Irrthümern, der Indentification von Korân und Islam, sowie an dem Postu- late, der Korân trage das Gepräge einer einheitlichen Schöpfung.

Was jenen anlangt, so hatte Herr Prof. Spiegel nicht Unrecht, wenn er uns im Colleg lehrte, dass innerhalb des Islam eine Reformation desselben auf dem Grunde des Kordân leicht möglich, ja nothwendig sei zur Belebung des erstarrten Glaubens. Und es zeigt in der That die Geschichte des Islam eine Menge von Sektenbildungen und Reform- bewegungen auf dem Grunde des Religionsbuchs.(Vgl. X. Schmid-Schwarzenberg's Metaphysik 5. Buch XIV. p. 379 ff. über dielauteren Brüder in Basra.) Somit han- delt es sich für uns nicht mehr um die Frage, was die Muhammedaner, richtiger: die

Moslemen, über Vorherbestimmung und Gnadenwahl lebren, vielmehr um diese: Welches 1