Aufsatz 
Properz in seinem Verhältniss zu dem Alexandriner Kallimachus / Sperling
Entstehung
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Um in kurzen Worten noch einmal zusammenzufassen, was wir von den Hymnen des Kalli- machus halten, so geht unser Urtheil dahin: Sie zeigen, dass ihrem Verfasser das abgeht, was eigent- lich den Dichter macht, das angeborne Dichtertalent; sie zeichnen sich aber aus und dürfen als nach- ahmungswürdiges Vorbild empfohlen werden, was die Sprache und Technik des Versbaues betrifft. (Vgl. Bernhardy, Grundr. d. gr. Litt. II. 2. p. 725.)

Nun einige Worte über die Epigramme unseres Alexandriners.

Lessing in seinen scharfsinnigenAnmerkungen über das Epigramm sagt, es sei das Epi- grammein Gedicht, in welchem, nach Art der eigentlichen Aufschrift, unsere Aufmerksamkeit und Neugierde auf irgend einen einzelnen Gegenstand erregt und mehr oder weniger hingehalten werden. Er legt die ganze Kraft und Schönheit in die erregteErwartung, deren Umfang er nicht unnutz d. h. zu ausführlich erweitert wissen will, und in die Befriedigung dieser Erwartung, denAufschluss, dasacumen, diepointe. In dieser seiner Theorie hat Lessing also allein das Witzig-Satyrische im Auge, da nach Herders Darlegung(Ueber das griechische Epigramm) nur dieses der sogenannten pointe nicht entbehren kann. Herder hat aber bei Bearbeitung der griechischen Anthologie zugleich gezeigt, dass die witzige Richtung für das Epigramm durchaus nicht wesentlich ist, dass es vielmehr recht wohl ein gutes Epigramm empfindsamen Inhalts geben kann, ja dass überhaupt die grösste Verschiedenheit des Inhalts möglich ist. Jedenfalls ist und pleibt allgemein anerkannt, dass bei jedem Epigramm die Haupttugend ist: bei aller Einfachheit Schärfe und gefällige Abrundung des Gedankens und des Ausdrucks. Insofern sind denn die Epigramme des Kallimachus nicht zu den schlechtesten Leistungen auf diesem Gebiet zu zählen und stehen an Werth höher als seine Hymnen. Trotzdem sind auch sie nichts Vollkommenes. In den meisten macht sich eine gewisse Trockenheit geltend, und lassen sie den Mangel an echter poetischer Auffassung und dichterischem Schwung eben- falls erkennen, ein Vorwurf, der übrigens unter den griechischen Dichtern jener Periode nicht den Kallimachus allein trifft, vielmehr der ganzen damaligen Zeit anklebt. Während sie fast durchweg sich auszeichnen durchRichtigkeit, Reinheit und Zierlichkeit der Sprache, durch bis ins kleinste aus- gebildete und verfeinerte Technik, durch kunstreich berechnete Composition und gewählte Eleganz in der Form, fehlt ihnen insgesammt das, was selbst mit der grössten Bemühung und durch das sorgfältigste Studium selbst bei dem höchsten Grad von Geistesreichthum nicht zu erringen ist, jener poetische Geist, der die frühere Poesie der Griechen durchwehte. Alle jene kunstreichst aus- gedachten und aufs penibelste gefeilten Dichtungen der Alexandriner sind ohne Seele und Leben und zeigen, dass die um die Literatur sonst hochverdienten Gelehrten wohl Verskünstler waren, die man nicht mit Unrecht mit den Meistersängern zu Ende des 16. Jahrhunderts verglichen hat, aber keine Dichter in des Wortes wahrer Bedeutung. Es darf uns das nicht Wunder nehmen, wenn wir die Verhältnisse berücksichtigen, unter denen jene Männer ihre Werke schufen. Die griechische Nation hatte durch immerwiederkehrende und dauernde innere Kämpfe ihre Kräfte selbst aufgerieben, so dass zuletzt mit der an Philipp von Macedonien bei Chäronea verlorenen Schlacht zugleich die Freiheit und Selbständigkeit in der Leitung ihrer eigensten Angelegenheiten verloren, und Griechenland fast zur macedonischen Provinz herabgesunken war. Kallimachus und seine Genossen lebten in Alexandrien, trotzdem der unwiderstehliche Einfluss des Hellenenthums auch hier die ganze Einwohner- schaft fast gräcisirt hatte, doch immerhin in gewissem Sinne nur als geduldete Fremdlinge. Die

Jünger der Kunst und die Männer der Wissenschaft fanden zwar bei den Ptolemäern den wohl- verdienten Schutz und jede mögliche Begünstigung; auch war die Stadt überaus reich an Pracht-