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Und wem ist es zu danken, dass gerade die damaligen literarischen, besonders aber die dichterischen Leistungen der Römer so vollkommene sind? den Griechen! In dem Studium ihrer geistigen Schätze hatten die Römer sich gebildet, von ihnen hatten sie gelernt, ihnen eiferte man nach. Selbst an dem leuchtenden Dreigestirn des römischen Dichterhimmels, Vergil, Horaz, Ovid, zeigt sich klar der Einfluss des Hellenenthums. Ihm entnahm Ovid die Mythen, die er in seinen Metamorphosen uns vorführt; griechische Muster waren es zumeist, denen Horaz in seinen Oden folgt; Vergil ist in seinen Idyllen der Theokrit, in seiner Aeneis der Homer der Römer.
Dass die Elegie in dieser Zeit ihre schönsten Früchte trug, wurde schon gesagt. Rom hatte freilich schon früher seine Elegiker aufzuweisen, einen C. Licinius Calvus, von dem gerühmt wird, dass er„alexandrinische Correctheit mit Leidenschaftlichkeit des Inhalts, in Liebe wie in Hass, zu vereinigen“ wohl verstanden habe; einen P. Terentius Varro, der freilich in Rom nie als Dichter sich recht geltend gemacht zu haben scheint; einen Cornelius Gallus, welcher zuerst den Samen der erotischen Elegie der Alexandriner in römischen Boden pflanzte. Dass sie mehr oder weniger ihre Verdienste haben, kann und soll nicht geleugnet werden; aber was sind ihre Leistungen gegenüber den Elegien eines Tibull, Ovid, Properz, deren Namen noch heutigen Tages einen goldenen Klang haben und immer behalten werden!
Properz, der als Elegiker in diesem Dichtertriumvirat nicht den geringsten Platz einnimmt, bekennt an vielen Stellen seiner Gedichte frei und offen sich als einen Nachahmer des Kallimachus. Wie weit diese Nachahmung sich erstrecke, was Properz bezüglich seiner Elegien dem Kallimachus schulde, ist immer Gegenstand des Streites gewesen.
Der vorliegende Aufsatz nun hat es sich zur Aufgabe gemacht, darüber sich zu äussern, welches nach unserer Ansicht das Verhältniss des Properz zu dem berühmten Alexandriner sei.
Die Nachahmung eines Schriftstellers durch einen andern kann darin bestehen, dass im Anschluss an das vorgefundene Vorbild gleiche oder ähnliche Stoffe behandelt werden, oder darin, dass der Nachbildner die Art und Weise der Darstellung, den Stil des Ersten sich zum Muster nimmt.
Wir wollen nun versuchen, nach diesen beiden Seiten hin einen Vergleich zwischen Kalli- machus und Properz zu ziehen.
Um zunächst festzustellen, ob bezüglich des Inhalts seiner Dichtungen Properz ein Nach- ahmer des Kallimachus sei, müssen wir sehen, womit sich denn die Werke Beider beschäftigen. Beide haben Elegien geschrieben, eine Dichtungsgattung, welche die Römer unzweifelhaft von den Alexandrinern übernommen haben. Es könnte diese Behauptung vielleicht auffällig erscheinen, da es genugsam bekannt ist, dass bereits lange vor der Zeit der gelehrten Alexandriner es Dichter ge- geben hat, die Verfasser von Elegien waren. Wir brauchen nur an Kallinus von Ephesus, an Mim- nermus von Kolophon u. A. zu erinnern. Wirft man jedoch einen Blick in die Geschichte der griechischen Elegie, so wird man sicher zugeben, dass in diesem Zweige der Dichtung allein die Alexandriner als Lehrer der Römer anzusehen sind.—
Elegie oder Elegus hiess ursprünglich jedes Gedicht, welches in Distichen verfasst, also in heroischen Hexametern geschrieben war, denen je ein Pentameter als ëoςσsς folgte.— Angewandt wurde dieses Versmass von den Alten zunächst in den Klageliedern(⁹σ), die unter Flötenbegleitung gesungen zu werden pflegten. Weitere Ausdehnung hatte die elegische Dichtungsform in der Zeit gewonnen, als bei den Joniern die Blüthe der lyrischen Poesie zu ihrer herrlichen Entfaltung kam. Kallinus z. B., der ausdrücklich als Elegiker bezeichnet wird, spornte in edelem Patriotismus durch


