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Dritter Abſchuitt. Das Grundprincip der Epiktetſchen Lehre.
Ein Gedanke, welcher ſich bald mit klaren Worten, bald verſteckter ausgedrückt durch das ganze Manual hinzieht, ein Gedanke, in welchem wir wohl nicht mit Unrecht eigentlich das Gemein⸗ ſame, das Verbindende der abgeriſſenen ſcheinbar in keinem innern Zuſammenhange ſtehenden Vorſchriften ſehen dürfen, inſofern ſich mehr oder weniger jede einzelne Vorſchrift darauf gründet, iſt die Unterſcheidung deſſen, was in unſerer Gewalt liegt, und was nicht. Es iſt dieſes eine Unterſcheidung, auf deren Erkenntniß und Wahrung Cpiktet mit der ganzen Macht ſeines Wortes dringt, von der er das ganze Weſen des Philoſophen abhängig macht. Nach dem Satze nämlich: 100„ d„rοeν τ έeν εασσιμνε*ε†ςσνmfαμάά d ε d uty, mit dem das Manual beginnt, ſoll ſich alle menſchliche Vorſtellung, ſoll ſich der menſchliche Wille, ſoll ſich das menſchliche Handeln beſtimmen. Wir werden demgemäß dieſen Satz in dieſer dreifachen Richtung zu erörtern haben. Zu den Dingen, welche in unſerer Gewalt liegen, rechnet Epiktet den über die Erſcheinung ſich bildenden Gedanken, den hieraus entſpringenden Trieb überhaupt, die Neigung zu etwas und die Abneigung gegen etwas(ec„ir 4y deαηνυε, dονν doesεε, Sεαας*αά ⁵ν⁴ 4⁶! ν8q,„ d.œ*εετε⁸εοα εορνα), Momente, die näher als unſere Werke, wir können ſagen, als unſere geiſtigen Aeußerungen, bezeichnet werden. Dieſen Dingen gegenüber ſtehen nun diejenigen, welche nicht in unſerer Gewalt liegen, als Körper, Beſitzthum, Ruf, Herrſchaft(our d,uir d 20 06ιάαά,*)ꝑ*πιανασ, ddSa, doxat ad det dy†, d ο⁴ 1 106rεα εmα), Momente, die näher als ſolche bezeichnet werden, welche nicht unſere Werke, alſo nicht Aeußerungen unſeres Geiſtes ſind. Weiter charakteriſirt Epiktet dasjenige, was in unſerer Gewalt liegt, als das ſeiner Natur nach Freie, durch nichts Beſchränkte und Gehinderte(2GLA. dν ε, 1⁴ντεσιι ρσσιι εεεάιςεοια, dεανυα, deπαοεινιαιι⁶⁴στς), das Gegentheil aber als das Schwache, Sclaviſche, Beſchränkte, das Fremde, welches den Menſchen nichts angeht(10 dà oun 11ν αο‿νεν, doula,„udνd, 4³ν⁶ιτα.— Es iſt hiermit der oberſte Grundſatz Epiktets auf⸗ geſtellt; denn aus demſelben iſt die ganze Lehre dieſes Philoſophen conſequent abgeleitet. Durch die richtige Erkenntniß dieſes hier bezeichneten Unterſchiedes und die Wahrung deſſelben in den Vor⸗ ſtellungen iſt der erſte Schritt zum Philoſophen geſchehen; die Beachtung deſſelben im Willen führt den Menſchen weiter auf dem Wege zu dieſem Ziele, und die Verwirklichung deſſelben in den Hand⸗ lungen macht ihn zum vollkommenen Philoſophen. Wenn wir nun auf die nähere Charakteriſirung dieſer hier angegebenen Momente als freier und unfreier ſehen, und danach den Mittelpunkt der Epiktetſchen Philoſophie bezeichnen wollen, ſo finden wir ihn in dem Princip der Freiheit; denn (es liegt ja klar ausgeſprochen) Epiktets Schüler ſoll vor allem unterſcheiden zwiſchen dem Freien und Unfreien: er ſoll frei denken, frei wollen und frei handeln. Und dieſe Behauptung mag um ſo gerechtfertigter erſcheinen, da ſie ſehr wohl zu der vorhin entwickelten Lebensaufgabe des
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