Aufsatz 
Die Lehre Epiktet's nach seinem Manual entwickelt / von Friedrich Spangenberg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

fort, erzeuge die andere, ein Vorſatz reihe ſich an den andern, der Menſch lebe bei allen Grund⸗ ſätzen ſo, daß ihm ſein Mangel an Veredlung gar nicht zum Bewußtſein komme, er lebe und ſterbe zwar als ſolcher, der philoſophiſche Wahrheiten erfaßt und begriffen habe, aber nicht Phi⸗ loſoph geweſen ſei. Cpiktet ſagt in dieſer Beziehung zu ſeinem Schüler:o0x ert 1tOd⁴dxον, G14à ⅜eνο †⁶ τειιοο, Worte, welche natürlich nicht an einen beſtimmten Schüler unſeres Philoſophen, der etwa ſchon Mannesalter erreicht habe, gerichtet ſind, ſondern mit denen Epiktet das Bild des vollendeten Philoſophen zeichnet. Mit den Wortendu biſt ſchon Mann, ſtellt er als nothwendiges Erforderniß des Stoikers hin, daß dieſer ſich als Mann bewege, was ſich eben nicht auf die Zeit, ſondern auf die geiſtigen und wohl auch körperlichen Eigenſchaften, welche erſt im Manne zu ihrer Reife und zu ihrem vollkommenen Abſchluſſe gelangen, bezieht. Der Philoſoph ſoll ſich alſo fähig betrachten, ſo zu denken und zu handeln, wie der zur Reife gekommene Mann, wenn er auch quantitativ die Jahre deſſelben noch nicht erreicht hat. Es fragt ſich nun aber, wie wir das 167108 zu verſtehen haben, ob es ſchlechthin als Attribut zu dαeo zu erklären, und vollendet zu uͤberſetzen, oder ob es nicht etwa in einem andern Sinne zu faſſen ſei. Mir dünkt es eine paſſende Erklärung, wenn wir es prädicativ und als identiſch mit 2 9 relelo nehmen. Und dies würde denn nicht ſowohl heißenin dem vollkommen vollendeten Leben, in dem Leben alſo, das mit der Geburt beginnt und mit dem Tode ſich abſchließt, als mehr ſpeculativ zu erklären ſein und bedeutenin dem intenſiv vollendeten, gewiſſermaßen durch jeden Moment der Gegenwart abgeſchloſſenen Lebensabſchnitte. Der Gedanke wäre demnach: Wer Philoſoph ſein will, muß ſich 1646408, d. h. in jedem Momente, wo ſich intenſiv ein Abſchnitt ſeines Lebens abſchließt, und das heißt eben nichts anders, als in jedem Augenblicke ſeines Lebens, als Mann, d. h. als ſolchen, in dem die Fähigkeiten, die im Menſchen überhaupt veranlagt ſind, zur Reife gekommen, fühlen, ſich alſo ſtets auf dem Wege zur Vervollkommnung finden. Er darf mit⸗ hin nicht warten, bis er quantitativ die Jahre des Mannes erreicht hat, ſondern ſein Leben ſoll von dem Augenblicke an, wo er ſähig iſt, eine ethiſche Wahrheit zu begreifen, darauf gerichtet ſein, dieſe Wahrheit durch Handlungen zu verkörpern.

Eben darum verlangt Epiktet weiter, daß der Philoſoph in beſtändiger Rührigkeit und Thä⸗ tigkeit lebe, daß er ſich als ſolchen betrachte, deſſen ganzes Daſein ein unausgeſetzter Kampf(alſo eine ans Chriſtenthum angränzende Vorſchrift) ſei, ein Kampf, deſſen Ausgang über ſeine Ver⸗ vollkommnung entſcheide. Dieſer Kampf ſoll ſein ein Kampf des Menſchen mit ſich ſelbſt, inſofern die eigene Perſon an einer andern Stelle als Feind bezeichnet wird. Man vergleiche die Schluß⸗ worte in Cap. XLVIII:ε 40%, de& ½900.αυαι⁶σ πααορροάα⁴ἀ αεαι εα εε6ου⁵ον. Es ſoll ſein der Kampf gegen die Leidenſchaft, und zwar durch die That mit der Waffe der Vernunft (10). In den Handlungen ſoll der Menſch zeigen, daß der 168 über die Leidenſchaft in ihm Sieger geworden iſt, d. h. daß das Naturgemäße in ihm in ſeiner urſprünglichen Reinheit erhalten iſt. Dies dünkt uns der Zweck der Cpiktetſchen Lehre, ſoweit er aus den eigenen Worten dieſes

à Philoſophen beſtimmt werden kann.